CORDELIA CHATON

Er sei „beschimpft, bedroht und angespuckt worden“ hatte der deutsche Salafisten-Prediger Sven Lau vor Gericht geschluchzt. Gestern erhielt der Islamist fünfeinhalb Jahre Haft. Er ist einer jener extremen Vertreter, die es in jeder Konfession gibt und die viel mehr Schlagzeilen machen als das Gros der gemäßigten Gläubigen.

Tatsächlich aber nimmt die Zahl der Menschen mit einer liberalen im Sinne von weltoffenen, humanistischen Einstellung zur eigenen religiösen Überzeugung eher zu als ab. Die meisten Menschen sehen ein, dass ihre Religion nicht mit einem allein selig machend Anspruch durchzusetzen ist, schon gar nicht mit Gewalt. Sie wollen sie zwar leben, aber andere nicht dazu zwingen.

Das zeigt die Eröffnung einer liberalen Moschee ohne Kopftuchzwang in Berlin, weit mehr aber noch der Verband der liberalen Muslime in Deutschland, der Verband Demokratisch-Europäischer Muslime oder das Netzwerk liberaler Islam in Indonesien.

In Israel, wo seit Tagen auf dem Tempelberg ein heftiger Streit um Sicherheitsmaßnahmen entbrannt ist, die Tel Aviv schließlich zurückgezogen hat, ist die Mehrheit der Gläubigen säkular und nicht orthodox. Weil aber die Hardliner immer härter werden, eskaliert der Streit um neue Siedlungen und die Klagemauer. Die Orthodoxen wollen dort kein gemeinsames Gebet von Männern und Frauen, am besten gar keine Frauen. In Israel bezahlt der Staat ein streng orthodoxes Oberrabbinat, das seinen Einfluss natürlich keineswegs aufgeben will. Es steht damit einer gesellschaftlichen Entwicklung der Gleichberechtigung entgegen, die aus gut nachvollziehbaren Gründen auch von der Mehrheit der Männer gewünscht wird. Doch je orthodoxer die Einstellung einer Religionsgemeinschaft, desto kleiner die Rolle, die Frauen dort spielen können und desto geringer der Wert, der ihnen beigemessen wird.

Das Schema ist immer das gleiche. Im Judentum tragen orthodoxe Jüdinnen Perücken und lange Kleidung, Rabinerinnen dürfen sie nicht sein. Bei den orthodoxen Moslems müssen Frauen sich verschleiern, manchmal extrem, ihr Haar verbergen und religiöse Ämter sind ihnen untersagt.

In der katholischen Kirche, die sich gestern mal wieder mit Missbrauchsvorwürfen eines ihrer höchsten Würdenträger, des Kardinals George Pell, konfrontiert sah, dürfen Frauen keine Priester werden oder gar noch höhere Ämter ergreifen. Priester dürfen Frauen auch nicht heiraten. Das fördert offenbar übelste Praktiken: Mindestens 547 Domspatzen des berühmten Regensburger Chores sind Opfer von Gewalt.

Schlimm ist: Häufig stellen die Hardliner die Ansprechpartner der Regierungen. Das würgt die Stimme anderer, liberaler Bewegungen, die die Masse vertreten, ab. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Österreich - sonst nicht immer ein Vorbild für Politik - jetzt innenpolitisch per Gesetz die Finanzierung islamischer Gemeinden aus dem Ausland untersagt hat und auch Predigten ausländischer Imame untersagt. Das macht Sinn. So viel Mut wäre in vielen Ländern nötig, wo übertriebene political correctness dazu beiträgt, dass orthodoxe Kräfte Ansprechpartner bleiben, obwohl sie längst nicht mehr die Mehrheit vertreten.