LUXEMBURG
JOS A. MASSARD

Der Arbed-Ingenieur Will Theves

Vor rund 57 Jahren, am Sonntagvormittag, dem 8. April 1962, schied der luxemburgische Ingenieur Guillaume (Will) Theves, ehemaliges liberales Mitglied des Escher Stadtrats und der luxemburgischen Abgeordnetenkammer, unter dramatischen Umständen aus dem Leben. Während einer Touring-Club-Wanderung erlitt er in der Nähe von Mecher (Clerf), aber auf dem Gebiet der zur gleichnamigen Gemeinde gehörenden Ortschaft Munshausen einen Schlaganfall. An der Wandergruppe beteiligten sich etwa zwanzig Menschen, die sofort nach einem Arzt schickten, der jedoch nur noch den Tod feststellen konnte.

Quelle: Escher Aerodrom 1937-1954 - Lëtzebuerger Journal
Quelle: Escher Aerodrom 1937-1954

Der Diplom-Ingenieur

Guillaume Theves wurde am 21. Januar 1895 als Sohn des Gendarmen Pierre Theves in der Heilig-Geist-Kaserne in der Stadt Luxemburg geboren. Im Oktober 1918 schloss er sein Studium für Maschinen- und Elektroingenieur an der Königlichen Technischen Hochschule in München erfolgreich ab. In Luxemburg fand er eine Stelle als Leiter der Prinz-Heinrich-Eisenbahnwerkstätten in Petingen. Im August 1919 kandidierte er vergebens für die vakante Stelle des Direktors des Elektrizitätswerks und der Trambahnen der Stadt Luxemburg. Am 1. April 1920 übernahm er den Posten eines Chef-Ingenieurs im „Terres-Rouges“-Werk in Esch-Alzette.

Beruflich abgesichert, konnte Theves nun an das Heiraten denken. Seine Auserwählte war Anna Cäcilia Nepper, „Cilly“ genannt, 1901 in Rümelingen geboren, Tochter des dortigen Minendirektors Edouard Nepper, mit der er im Oktober 1921 in Rümelingen den Bund des Lebens schloss. Der Ehe entsprossen zwei Kinder, Georges und Loulou.

Im November 1927 wurde Theves zum Chef des elektromechanischen Betriebs auf Arbed-Esch-Schifflingen ernannt, wo er am 1. Dezember seinen Dienst antrat. Als Esch am 10./11. Mai 1940 evakuiert wurde, verschlug es die Familie Theves nach Südfrankreich. Nach der Rückkehr der evakuierten Bevölkerung des Kanton Esch nahmen die luxemburgischen Hüttenwerke ihre Tätigkeit progressiv wieder auf, die Hütte Esch-Schifflingen in der zweiten Hälfte des Monats Juli, die anderen im Laufe des Monats August.

Das Sagen in den Werken hatten von nun an die Nazis. Theves, dem als Dienstchef der elektromechanische Betrieb und die Werkswache unterstellt waren, versuchte anfangs, sich mit den neuen Herren zu arrangieren, distanzierte sich dann aber zusehends von ihnen und geriet in Ungnade. Im November 1941 landete er im KZ Hinzert, aus dem er Ende Januar 1942 entlassen wurde.

Am 12. April 1942 wurde Theves nach Burbach in das dortige Arbed-Werk dienstverpflichtet. Beim Streik, der in Luxemburg am 31. August 1942 als Reaktion gegen die Einführung der Wehrpflicht ausgebrochen war, hielt Theves sich heimlich in Esch auf. Er fuhr abends nach Burbach zurück, wo er drei Tage später von der Gestapo verhaftet wurde und 10 Tage Dunkelhaft erhielt. Er stand im Verdacht, einer der Drahtzieher des Streiks zu sein.

Im September 1942 wurde ihm mitgeteilt, er sei zur „Absiedlung“ aus Luxemburg vorgesehen. Er figurierte auf der Liste des Umsiedlungs-Konvois vom 18. September nach Leubus. Dank des Einsatzes von Heinrich Bervé, dem Direktor von Burbach-Hostenbach, der die übergeordneten Nazi-Stellen davon überzeugen konnte, dass er Theves, wie auch andere für eine Umsiedlung vorgesehene Arbed-Fachleute, unbedingt in seinem kriegswichtigen Werk brauche, wurde aus Theves‘ Umsiedlung in ein Lager „nur“ ein Zwangsaufenthalt in Burbach. Als Theves dort wegen Sabotageverdachts die Verhaftung drohte, floh er im August 1944 nach Luxemburg, wo der Bahnhofvorsteher Léon Eyschen ihn im Bahnhof Colmar-Usines versteckt hielt. Seine Frau und sein Sohn sowie drei seiner luxemburgischen Arbeitskollegen in Burbach wurden daraufhin verhaftet.

Nach der Befreiung Luxemburgs im September 1944 lebte Theves wieder in Esch als Dienstchef von Arbed-Esch-Schifflingen. Später wurde er Direktor der zur Arbed-Gruppe gehörenden Brohltal A.G. in Burgbrohl.

Ratsherr in Esch

Will Theves wurde im Oktober 1928 als Kandidat der Radikal-Sozialistischen Partei in den Gemeinderat der Stadt Esch-Alzette gewählt. 1934 wurde er wiedergewählt, und zwar auf der Liste der Radikal-Liberalen Partei, die im Februar 1934 durch den Zusammenschluss der Radikalen und der Radikalsozialisten entstanden war.

Mit dem Einfall der Hitlertruppen am 10. Mai 1940 gab es eine Zäsur in der Politik. Weil Bürgermeister Hubert Clément und seine beiden Schöffen François Cigrang und Léon Kinsch noch nicht aus Frankreich aus der Evakuation zurück waren, setzte die damalige luxemburgische Landesverwaltungskommissioun am 3. Juli 1940 einen vorläufigen neuen Schöffenrat ein, mit Jules Heisten, dienstältestem Stadtratsmitglied, als Bürgermeister und Will Theves und Nicolas Quiring als Schöffen. Letztere wurden nach zwei Wochen durch Cigrang und Kinsch, die aus der Evakuation zurückgekehrt waren, abgelöst. Heisten blieb weiterhin Bürgermeister, da Hubert Clément im Exil blieb. Im November 1940 wurde der Escher Stadtrat aufgelöst, der Bürgermeister und seine beiden Schöffen blieben vorläufig noch im Amt.

Mit der Befreiung Luxemburgs im September 1944 war die Nazi-Herrschaft in Esch vorbei. Der vor dem Krieg gewählte Gemeinderat trat wieder in seine Rechte. Am 9. Januar 1945 fand die erste Nachkriegs-Stadtratssitzung statt. Die Ratsmitglieder Heisten, Quiring und Theves hatten im Vorfeld der Sitzung erklärt, so lange auf die Ausübung ihres Mandats verzichten zu wollen, bis durch die im Rahmen der Epurationsprozedur laufende Untersuchung Klarheit über ihre Haltung im Stadtrat geschaffen sei.

Was Theves anbelangt, so hatte dieser von sich aus den Staatsanwalt gebeten, eine Untersuchung über seine Haltung im Krieg in die Wege zu leiten. Der Staatsanwalt kam zur Schlussfolgerung, dass Theves nichts vorgeworfen werden könne und stellte das Verfahren am 8. März 1945 ein mit der Feststellung: „ aucun élément de preuve n’a été recueilli permettant d’inculper Theves d’une infraction quelconque […] il résulte au contraire du dossier qu’après une période de flottement de quelques semaines au début, l’attitude patriotique de Theves et des siens a été brillante“.

Der Innen- und Epurationsminister Robert Als erklärte seinerseits am 23. Juli 1945, keinen Grund zu sehen, um Sanktionen gegen Theves als Gemeinderatsmitglied zu nehmen: „La famille Theves a payé un lourd tribut à la patrie. M. Theves, en dépit d’une détention de près de 3 mois à Hinzert, a itérativement risqué sa tête après sa libération de Hinzert. Mme Theves, qui n’a jamais fait partie d’une organisation nazie, a failli trouver la mort lors de sa rentrée, après un emprisonnement de plusieurs semaines. Son fils revint malade du camp de Dachau. Son frère aîné, Henri Theves, a été torturé à mort à Hinzert, où il a expiré le 22 décembre 1944 à l‘âge de 51 ans. Son frère cadet, Jean, déporté en Silésie, fut pris par la Gestapo et a passé par trois camps, en dernier lieu par celui de Belsen. Même sa mère, âgée de 78 ans, fut arrêtée par la Gestapo et retenue pendant 14 heures. Dans ces circonstances il ne saurait être question pour moi d’envisager une sanction quelconque contre le conseiller communal Theves sur la base de l’arrêté grand-ducal du 26 mars 1945 concernant l‘épuration des conseils communaux.“

Will Theves, der vor dem Krieg Mitglied des Zentral- sowie des Exekutivkomitees der Radikal-Liberalen Partei war, kandidierte bei den ersten Nachkriegs-Gemeindewahlen, die am 7. Oktober 1945 stattfanden, auf der Liste der unter seinem Impuls gegründeten neuen „Liberalen Partei“ und schaffte als einziger Kandidat seiner Liste den Weg in den Escher Stadtrat. Theves demissionierte im November 1946 wegen Verlegung seines Wohnsitzes.

In seiner Funktion als Mitglied des Escher Stadtrats war Theves zeitweise Präsident der Escher Schulkommission und Präsident des Interkommunalen Trambahnsyndikats. Von 1931 bis 1941 war er Präsident der Escher Freiwilligen Feuerwehr. Dank seinem Einsatz überließ die Arbed seinerzeit dem C.S. Fola das nötige Terrain für das Emile-Mayrisch-Stadion auf dem Escher Galgenberg, das am 30. Mai 1935 eingeweiht wurde. Als Präsident des 1936 gegründeten „Aéro-Club du Bassin Minier“ und der im Februar 1937 konstituierten „Société anonyme pour l’aménagement et l’exploitation de l’aérodrome d’Esch-sur-Alzette“ war Theves maßgeblich an dem Ausbau des vormaligen Escher Flugfelds zu einem richtigen Flughafen beteiligt. Der Escher Aerodrom konnte am 26. September 1937 eingeweiht werden.

Mentor der Gelben Gewerkschaft.

Theves hatte eine wichtige Rolle beim Aufbau der so genannten Arbeitergruppen gespielt, die in den dreißiger Jahren als Gegengewicht insbesondere zu den aufstrebenden sozialistischen „Freien Gewerkschaften“ entstanden waren. Bei ihren Gegnern waren sie als patronatshörige „Gelbe“ verschrien. Da sie von den liberal gesinnten Radikalsozialisten, zu denen Theves zählte, gefördert wurden, schmähte man sie auch als „Radibutzkis“.

Beim ab 1935 gemeinsam geführten Kampf der Freien Gewerkschaften und des Christlichen Gewerkschaftsbunds für die Anerkennung der Gewerkschaften als Verhandlungspartner, für das Recht auf den Abschluss von Kollektivverträgen usw. hielten die Radikal-Liberalen sich zurück. Ebenso bei der großen gewerkschaftlichen Protestmanifestation vom 12. Januar 1936 in der Hauptstadt, an der rund 40.000 Arbeitnehmer teilnahmen. Der Erfolg der beiden vorgenannten Gewerkschaften zwang die Radikal-Liberalen dazu, die bisherigen radikalsozialistischen Arbeitergruppen neu aufzustellen. Aus ihnen entstand im Laufe des Jahres 1936 die so genannte „Nationale Gewerkschaft“ bzw. der „Nationale Gewerkschaftsverband“, dessen Zuspruch sich aber in Grenzen hielt.

Als Mentor der liberalen Gewerkschaft hatte Will Theves sich viele Feinde unter den führenden sozialistischen und christlichen Gewerkschaftlern gemacht. Dass er sich 1937 militant für das „Maulkorbgesetz“ einsetzte, dürfte ihm bei einer Reihe von Liberalen, vor allem aber bei den Sozialisten weitere Ressentiments eingebracht haben, die lange Jahre, bis in die Nachkriegszeit, nachwirken sollten.

Mitglied der Abgeordnetenkammer

Bei den Wahlen für die Abgeordnetenkammer vom 7. Juni 1931 hatte Will Theves erfolglos im Südbezirk für die Radikal-Sozialistische Partei kandidiert. Bei den Kammerwahlen vom 3. Juni 1934 gelang ihm dann aber der Durchbruch. Er wurde im Südbezirk als Erster auf der Liste der nunmehrigen Radikal-Liberalen Partei gewählt. Theves war somit Mitglied der Abgeordnetenkammer von 1934 an bis zu ihrer Auflösung am 22. Oktober 1940 durch eine Verordnung des Chefs der Zivilverwaltung in Luxemburg, Gauleiter Gustav Simon.

Mit der Befreiung Luxemburgs durch die US-Army am 10. September 1944 konnten die früheren Deputierten, also auch Will Theves, ihr Abgeordnetenmandat, das im Vorfeld durch großherzoglichen Beschluss vom 7. Juli 1944 bis zu den nächsten Wahlen verlängert worden war, wieder wahrnehmen. Die Session von 1944 wurde am 6. Dezember 1944 eröffnet, beschränkte sich aber auf diese einzige öffentliche Sitzung, da das nötige Quorum nicht erreicht wurde.

Theves, der auf eine offizielle Klärung seiner Situation wartete, hatte ihr nicht beigewohnt. Die Session wurde am 6. März 1945 geschlossen. Inzwischen war durch den großherzoglichen Beschluss vom 22. Februar 1945 eine „Assemblée consultative“ eingesetzt worden, deren Mitglieder im März 1945 ernannt wurden.

Will Theves figurierte nicht auf der von der Regierung aufgestellten Namensliste. Die Beratende Versammlung tagte vom März an bis zum 16. August 1945. Tags darauf übernahm die legislative Kammer, zu der Will Theves ja noch immer gehörte, wieder ihre Rolle. Eine außergewöhnliche Kammersession wurde am 5. September eröffnet und am 14. September geschlossen. Neuwahlen waren für den 21. Oktober 1945 angesagt.

Einsetzung einer „Commission d‘Épuration“

Inzwischen als Gemeinderatsmitglied durch Staatsanwalt und Innenminister unmissverständlich vom Vorwurf des „incivisme“ entlastet, sah Theves keinen Grund mehr, sein Abgeordnetenmandat nicht auszuüben. Seine politischen Gegner sahen das aber ganz anders!

Zu Beginn der Eröffnungssitzung der außergewöhnlichen Kammersession, am 5. September 1945, brachte Nic. Biever, der den Krieg im französischen Exil verbracht hatte, einen Antrag der sozialistischen Fraktion ein, in dem die Kammer ersucht wurde, sich mit der Epuration jener Deputierten zu befassen, die kontestiert oder angeklagt seien. Der Antrag sah die Bildung einer „Commission d‘épuration“ vor, die sich sofort mit der Prüfung all dieser Fälle befassen sollte. Nic. Biever proposierte folgende Zusammensetzung: 3 Rechtsparteiler, 2 Arbeiterparteiler, 1 Liberaler, 1 Unabhängiger (Ostbezirk). Bievers Antrag wurde einstimmig angenommen. Im Visier dieser Kommission war einzig und allein Will Theves.

Im Gutachten, das Tony Biever als Berichterstatter und Sekretär der Spezialkommission in der Sitzung vom 7. September darlegte, wurde Theves vorgeworfen, zwischen August 1940 und Anfang 1941 sei seine Haltung durch Beweise exzessiver Schwächen und offener Gefälligkeiten gegenüber den politischen Organen des Okkupanten charakterisiert gewesen. Theves habe im November 1940 ein Beitrittsgesuch zur VdB gestellt.

Die Beschuldigung, er habe in dieser Zeit unter der Belegschaft seines Betriebes für die VdB geworben, könne aber nicht nachgewiesen werden. Zur Beschuldigung der Bekleidung des Amtes als Zellenleiter meinte die Kommission, wenn Theves dieses Amt auch nicht offiziell angenommen habe, so habe er es doch während einer Zeit de facto ausgeübt und an Versammlungen teilgenommen; er habe Beitragsmarken verteilt und Anweisungen des Escher Ortsgruppenleiters Dr. Charles Houdremont an Blockleiter weitergegeben. Ein Zeuge habe Theves in weißem Hemd und schwarzer Hose (galt anfangs als Uniform der VdB) vor dem Café Nicolay in Esch gesehen.

Die Kommission, fuhr Tony Biever fort, erachte all dies als sehr ernste Fehler, da der Druck auf den Beschuldigten nicht so groß gewesen sei, dass er sich damit entschuldigen könne. Seit Anfang 1941 habe Theves sich allerdings von allen politischen Organen des Okkupanten distanziert, seine Haltung habe sich gefestigt. Er habe mit seiner Person bezahlt und seine Familie sei den Verfolgungen der Gestapo ausgesetzt gewesen.

Als Mensch und als Privatperson habe Theves sich wohl rehabilitiert [zur Erinnerung: der Mann war im Gefängnis und im KZ Hinzert, wurde umgesiedelt, seine Familie verfolgt, sein Sohn nach Dachau verfrachtet; sein Bruder Jean war in mehreren KZs, sein Bruder Hary wurde in Hinzert zu Tode gemartert…] und in dieser Eigenschaft dürfe man ihm die allgemeine Achtung nicht verwehren. Als führender Politiker aber könne er sich nicht zurückkaufen. Die Kommission sei der Ansicht, dass durch seine Haltung von 1940 bis Anfang 1941 das Prestige des Deputierten Theves viel eingebüßt habe, und darum habe sie beschlossen, ihm zu empfehlen, sich im Interesse der Autorität der Kammer der politischen Tätigkeit bis zu den kommenden Wahlen zu enthalten. In seiner Verteidigungsrede versuchte Theves, die ihm vorgeworfenen Verfehlungen Punkt für Punkt zu widerlegen bzw. ins rechte Licht zu rücken.

Es stimme, dass er im November 1940 einen Aufnahme-Antrag in die VdB gestellt habe, der im Dezember angenommen worden sei; er sei VdB-Mitglied Nummer 19.163 gewesen, also kein Mann der ersten Stunde.

Im August 1941 sei er wieder aus der VdB ausgetreten, der er also acht Monat angehört habe. Den Posten eines Zellenleiters, der ihm aufgezwungen werden sollte, habe er abgelehnt. Er habe auch nie in weißem Hemd und schwarzer Hose an einer Naziveranstaltung teilgenommen. Er ging auf seine Leiden unter den Nazis ein, aber auch auf die ominöse vom Gauleiter abgefangene nationale Petition vom 1. August 1940 an Hitler und das Votum eines Kredits für die Gauleiterkundgebung im Escher Stadtrat im Oktober 1940. Im Gegensatz zu anderen Deputierten habe er die Petition nicht unterschrieben und den Escher Kredit nicht gestimmt. Die Diskussion zog sich über drei Sitzungen hin.
In der vierten und letzten Sitzung der Session, am 14. September 1945, wurde der Bericht der Epurationskommission mit der Empfehlung an Theves, auf die Ausübung seiner parlamentarischen Funktionen bis zu den kommenden Wahlen zu verzichten, mit neun Stimmen (8 Sozialisten, 1 Christlichsozialer) bei zwanzig Enthaltungen angenommen. Die Mitglieder der Epurationskommission hatten sich enthalten, geradeso wie Theves.

Will Theves kandidierte bei den Kammerwahlen vom 21. Oktober 1945 im Südbezirk auf der von ihm angeführten Liste seiner Liberalen Partei. In den anderen Wahlbezirken trat seine Partei nicht an. Der Erfolg sollte aber ausbleiben. Theves erhielt 5.158 Stimmen und klassierte sich so an erster Stelle auf seiner Liste, es gelang ihm aber nicht, einen Sitz zu erobern.

Ein Opfer politischer Machenschaften

Nach 1946 wurde es ruhig um Will Theves, der sich aus dem politischen Leben zurückgezogen hatte und mit der Zeit ins Vergessen geriet. Sein dramatischer Tod im Jahre 1962 wurde eigentlich nur vom „Lëtzebuerger Journal“ vermeldet, das auch einen sehr deutlichen Nachruf aus der Feder von Camille Schleich, einem früheren Kampfgefährten von Will Theves, veröffentlichte.

Hier hieß es unter anderem: „Will Theves hatte in vielen Angelegenheiten seine eigene Auffassung, er ließ sich nicht gerne etwas vormachen und gerade durch seine prägnante Eigensinnigkeit fehlte es ihm nicht an politischen Feinden. Immer wieder wurde versucht ihn auszubooten, da seine Gegner wußten, wie gefährlich er ihnen sein konnte. Ganz besonders nach der Gründung der damaligen „Nationalen Gewerkschaft“, für die sich Theves ganz stark einsetzte, war er vielen ein Dorn im Auge. Nach dem Kriege gelang jenen, denen er immer im Wege stand, Will Theves durch Machenschaften, die wir hier nicht näher anführen wollen, aus dem politischen Leben auszuschließen. Dies nachdem er noch einmal als Mitglied des Gemeinderates in Esch gewählt worden war.“

Abschließend meinte Schleich: „Will Theves war ein Mann, der vielen, ja ganz vielen große Dienste leistete. Leider fand er für sein Entgegenkommen keine Anerkennung und viele, die ihm dankbar hätten sein müssen, fielen ihm in den Rücken.“

Der ehemalige Hinzert-Häftling Marcel Engel und sein Koautor André Hohengarten gingen in ihrem 1983 erschienen Buch über das SS-Sonderlager Hinzert noch einen Schritt weiter.

Sie sahen in der gegen Theves geführten Kampagne nicht nur einfach die Revanche seiner politischen Gegner, sondern auch ein Manöver seiner Kollegen, um von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken, Theves als Sündenbock: „Will Theves […] hat im Krieg und nach dem Krieg Schweres durchstehen müssen, er selber und seine Familienangehörigen. Leichtfertig wurde gegen ihn der Vorwurf des „incivisme“ erhoben, ausgerechnet von seinen Kammergenossen. Anfänglich, kurze Zeit, habe seine patriotische Haltung „une période de flottement“ gehabt. Als treuer Diener seiner Brotherren habe er die Verlautbarungen der Arbeddirektion weitergegeben. Indessen saßen die Kammerkollegen in ihren Schlupflöchern und hielten ängstlich die stumpfe Waffe des Schweigens umklammert. Als die Gefahr vorüber war, überschlugen sie sich in patriotischen Purzelbäumen, zeterten und zitierten Theves vor eine „cour d’honneur“, um ramponiertes Prestige aufzupolieren.“