MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Nach Düdelingen lässt sich der Konzern nun in Hayange nieder

Der achtgrößte Stahlkonzern der Welt richtet sich in der Großregion ein und schafft eine grenzenlose Stahl-Landschaft zwischen Luxemburg und Lothringen. Das erinnert an das 19. und 20. Jahrhundert, als die Arbed und deutsche Stahlkonzerne eine grenzüberschreitende Region der Schwerindustrie schufen.

Liberty Steel hat Rail France Industry (RFI) in Hayange übernommen. Das Handelsgericht am Straßburger Landgericht hat Ende vergangener Woche eine strategische Entscheidung getroffen und eine autarke Stahl-Linie unter der Führung des britischen Konzerns herbeigeführt. Dass dies auch dem Wunsch des französischen Wirtschafts- und Finanzministers Bruno Le Maire entsprach, mag Zufall sein. Andererseits hatten die anderen Kandidaten wenig Chance, nach der Entscheidung des Gerichts auch wirklich zum Zuge zu kommen. Denn: Nach der Stillegung der Hochöfen von Florange hat Frankreich „Stahl“ zu einer strategischen Industrie erklärt, bei der die Regierung sich die endgültige Entscheidung vorbehält.

Innerfranzösische Lösung

Die Regierung aber hatte zwei Vorstellungen: ArcelorMittal war ihr Favorit. Aber die Marktstellung des Weltmarktführers ist in Frankreich und in Europa so stark, dass die Kartellbehörden sich eingemischt hätten. Andererseits wollte der Wirtschafts- und Finanzminister mit der Entscheidung um das Schienen-Walzwerk eine andere verbinden. In Frankreichs Norden gibt es in Saint Saulve mit dem Stahlproduzenten Ascometal einen Überlebenden der Ascometal-Gruppe. Ascoval ist bereits mit einer jährlichen Liefermenge von 140.000 Tonnen für drei Jahre an das Schienen-Walzwerk in Lothringen gebunden. Ansonsten aber kämpft Ascoval ums Überleben. Da ein Walzwerk immer extern einkaufen muss, schien den Strategen in Paris die Verbindung von Ascoval und RFI geradezu ideal für eine innerfranzösische Lösung.

Da hatten die anderen Konkurrenten wie British Steel, nach dem Konkurs Tochtergesellschaft einer chinesischen Gruppe, oder etwa ein chinesischer Konzern selbst, keine Chance. China überflutet den Weltmarkt mit billigem und unsauber hergestellten Stahl. Europa versucht, China vor der Tür zu halten. China mitten in Europa eine Fabrik – dazu noch eine hoch spezialisierte – auf dem Silbertablett zu liefern, schien irreal.

Schienenmarkt ausweiten

In Hayange werden derzeit mit 470 Stahlwerkern 360.000 Schienen, unter anderem für Hochgeschwindigkeitsstrecken, hergestellt. Zwar wird die Bedeutung für die französischen Eisenbahnen SNCF stets besonders herausgestellt, tatsächlich stellt die SNCF aber nur 30 Prozent des Auftragsvolumens dar. Gupta will das Volumen nach und nach auf 500.000 Tonnen jährlich ausdehnen. Er sieht den Standort als strategisch an. Belgien und Deutschland, die Niederlande, die nord-europäischen Länder liegen quasi vor der Haustür, Österreich und die Schweiz in Reichweite. Die Schienenstrecken der neuen Seidenstraße benötigen modernes Material. Frankreich aber ist ein großer nationaler Markt. Soll die Eisenbahn wirklich im Bereich von zwei Stunden Flugstrecke, also bis zu 3,5 Stunden Eisenbahnfahrt das Verkehrsmittel der Zukunft werden, dann muss ein stark vernachlässigtes Schienennetz erneuert und ausgebaut werden. Die Bewerber sahen also das Potenzial in der lothringischen Fabrik, das weit über die nationale französische Sichtweise hinausging.

Liberty Steel stellt für die Fabrik in Hayange aber möglicherweise auch in anderer Hinsicht eine neue Zukunft dar. Die Stahlindustrie gehört zu den Industrien, die am meisten Kohlenstoffdioxid (CO2) ausstoßen. Gupta aber hat sich vorgenommen, „grünen“ Stahl zu produzieren, sprich bis 2030 in seiner Produktion CO2-neutral zu sein. Das bedingt ein hohes Volumen an Investitionen. Gupta trifft damit den Nerv der französischen Industriepolitik, die als neues Motto „ökologisch“ gewählt hat und das unbedingt durchsetzen will. Nur weiß die europäische Stahlindustrie auch, dass man gut 40 Milliarden Euro an Investitionen braucht, um sie nach den neuen Richtwerten „sauber“ zu machen. ThyssenKrupp alleine geht von Investitionen in Höhe von zehn Milliarden Euro aus.

Die Gewerkschaften sehen dem Deal mit Liberty Steel mit Misstrauen entgegen. „Wir hatten die Wahl zwischen Pest (ArcelorMittal) und Cholera (Liberty Steel)“, sagt Djamal Hamdani, Vertreter der Gewerkschaft CFDT. „Liberty Steel“ war das am wenigsten Schlimme“, fügt er an. Die Gewerkschaften in Hayange hatten sich für für eine Übernahme durch den chinesischen Bewerber Jingye ausgesprochen. Die chinesische Gruppe hatte nach dem Konkurs von British Steel das britische Unternehmen übernommen, konnte ihren Einfluss nach Lothringen aber nicht ausdehnen, weil Paris nicht zustimmte. Der zweite Versuch, auf dem Kontinent Fuß zu fassen, scheiterte nun am Landgericht in Straßburg.

Der Konzern

Liberty Steel

Es ist die achtgrößte Stahlgruppe in der Welt. Sie ist in zehn Ländern vertreten. Sie hat eine Walzwerk Kapazität von 18 Millionen Tonnen, und beschäftigt 30.000 Menschen. Die Verkäufe liegen bei jährlich 15 Milliarden Euro. Liberty Steel ist seit 2019 aus der Zusammenfassung der Produktion, des Verkaufs von Stahl und Eisenerz Bergbau Aktivitäten entstanden. Der 48jährige Konzerngründer will zukünftig „grünen“ Stahl vor allem über den Einsatz von Elektrostahlwerken produzieren. In zehn Jahren soll die Produktion CO2 neutral sein.
Sanjeev Gupta

Der Einkäufer

Der 48jährige Inder baut ein Imperium aus drei verschiedenen Bereichen auf: Stahl, Aluminium und Energie. Hinzu kommen Finanzdienstleistungen und Immobilien-Transaktionen, die in einem Family Office zusammengefügt sind. Sanjeev Gupta, der in Großbritannien „Man of Steel“ genannt wird, ähnelt in seiner Karriere Lakshmi Mittal (ArcelorMittal). Gupta hat diese Einheiten zur Holding „GFG Alliance Group“ zusammengefügt, deren Sitz in London ist. Gupta selbst hat die indische und die britische Staatsangehörigkeit.  Die Idee, Stahl „sauber“ durch Recycling in Elektrostahlwerken zu machen,  hat Gupta bereits mit drei Millionen Tonnen recyceltem Stahl pro Jahr in Dünkirchen realisiert. Das Family Office betreut auch die Gupta-Stiftung. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, junge Menschen für die Industrie zu interessieren und die Fähigkeiten junger Menschen zu entwickeln. Gupta hat das Glück, dass sein Konzern noch nicht so groß ist, dass er sich beispielsweise mit kartellrechtlichen Fragen auseinandersetzen muss. So kann er dort zukaufen, wo andere Auflagen bekommen, wie zum Beispiel in Düdelingen, wo er das Werk von ArcelorMittal kaufte, als dieser aus kartellrechtlichen Gründen wegen des Ilva-Werks in Italien verkaufen musste. In Hayange ist eine Akquisition aus dem Konkurs von British Steel. Er kauft also eine eingespielte Industrie, die entwickeln kann.