LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Vor 100 Jahren gründete Walter Gropius das Bauhaus als Kunstschule – Spuren und Nachwirkungen in Luxemburg

Vor 100 Jahren gründete der Architekt Walter Gropius in Weimar das „Staatliche Bauhaus“: eine Bildungsstätte, die Kunst und Handwerk zusammenführte. Die Arbeit in den Werkstätten unter der Leitung von bekannten Künstlern war Bestandteil der Ausbildung. 1925 erfolgte der Umzug nach Dessau, wo die ersten Möbel aus dem neuartigen Material Stahlrohr entstanden. Zu jenem Zeitpunkt begann auch die Zusammenarbeit mit der Industrie. 1933 wurde die Institution unter dem Druck der Nationalsozialisten geschlossen. Bis dahin hatte die Bewegung aber bereits eine dynamische Entwicklung erlebt, die noch nicht vor ihrem Ende stand: Zahlreiche Bauhaus-Mitglieder wanderten aus und trugen so zur internationalen Verbreitung der Ideen im Bereich der Architektur, der Kunst und des Designs bei. Auch in Luxemburg hat das Bauhaus seine – insbesondere architektonischen - Spuren hinterlassen. Wir haben uns mit dem Historiker Dr. Robert  L. Philippart unterhalten. 

Lëtzebuerger Journal

Was kommt Ihnen zuerst in den Sinn, wenn der Begriff „Bauhaus“ fällt?

Robert  L. Philippart In erster Linie Bauten kubischer Form mit einem Flachdach und offener Fassade, die Innen und Außen verschmelzen lässt. Der Einsatz von neuen Baumaterialen: Stahl, Glas und Beton. Ich denke ebenfalls an das Mobiliar-Design unter Verwendung von Stahlrohr. Bei Lampen herrschten auch Chrom und Aluminium vor. Metall also statt Holz! Der Freischwinger-Stuhl wurde zum Beispiel von den Bauhaus-Designern weiterentwickelt. Die Vorgeschichte will ich aber nicht unerwähnt lassen: Die Großherzoglich-Sächsische Kunstgewerbeschule Weimar war am 1. April 1908 auf Initiative des belgischen Architekten Henry Van de Velde von Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar gegründet worden. Die private Lehranstalt bestand bis 1915. Sie stand am Ursprung der Bewegung „Staatliches Bauhaus“. 1919 gründete Walter Gropius in Weimar das Bauhaus - eine neue Kunstschule, die Leben, Handwerk und Kunst unter einem Dach vereinen sollte.

Eben diese Kunstschule gab es ja nur wenige Jahre. Wie lässt sich erklären, dass sich die dahinterstehende Idee ihren Weg in die ganze Welt bahnte?

Philippart Kurz vor Verbot des Bauhaus in Deutschland hatte 1932 die Ausstellung „Modern Architecture: International Exhibition“ im MOMA in New York ein weltweites Bewusstsein für eine neue Architektur geschaffen. Philippe Johnson und Henry-Russell Hitchcock hatten 37 avantgardistische Architekten aus 15 Ländern dazu bewegt, die „internationale Moderne“ zu fördern. Dabei ging es ebenfalls darum, zu zeigen, dass sich Architektur von Geschichte,  geografischem Raum und lokalem Material loslösen kann. Sie will zeitlos sein, und nicht durch klimatische Verhältnisse eingeengt. Sie will Antworten bieten auf sich rasch entwickelnde Städte. Wer Architekt sein will, muss gleichzeitig Künstler, Handwerker, Wissenschaftler und Unternehmer sein. Diese neue Vielschichtigkeit verleiht dem Beruf eine moderne Ausrichtung.

Laut dem deutschen Architekturhistoriker Winfried Nerdinger gilt Bauhaus „als der bedeutendste deutsche Kulturexport in die Welt im 20. Jahrhundert“. Wie sehen Sie das?

Philippart Bauhaus stieß in der Tat weltweit auf großes Interesse, und somit auch auf Widerstand. Die Bedeutung dieser „neuen internationalen“ Architektur, die demnach internationale Standards festlegte, gewann umso mehr an Bedeutung, dass in Weimar und anschließend in Dessau internationale Künstler und Wissenschaftler unterrichteten: Theo van Doesburg (de Stijl), Marcel Duchamp, Albert Gleizes, Amédée Ozenfant, um nur diese zu nennen. Unterstützung gab es durch Albert Einstein, Arnold Schönberg, Béla Bartok, Max Reinhardt, Vassily Kandinsky und Paul Klee. Dass Gropius in den Vereinigten Staaten in Harvard die „Graduate School of Design“ leiten konnte und Ludwig Mies van der Rohe 1938  das „New Bauhaus“ am „Chicago's Armour Institute of Technology“ schuf, bezeugt, dass die „School of Chicago“ mit ihren Hochbauten und neuen städtebaulichen Entwicklungen offen war für die Ideen des Bauhaus. Die Arbeiten Le Corbusiers in Frankreich zeigen eine sehr enge Verwandtschaft mit den Prinzipien des Bauhaus. Die „Bauhausbücher“ warben für abstrakte Kunst. Bauhaus als „deutschen Kulturexport“ zu beschreiben stimmt nachdenklich, denn Bauhaus an sich ist heimatlos, da gewollt international.

Was sind denn die Hauptmerkmale des Bauhaus, beziehungsweise die Visionen seiner Vertreter?

Philippart Bauhaus steht im Spannungsfeld zwischen industrieller Herstellung und Handwerkskunst. Die zunehmende Industrialisierung handwerklicher Kunst sollte durchbrochen werden, da sie die Originalität des künstlerischen Schaffens bedrohte. Handwerkskunst, ebenso wie moderne Technik, musste als eigene Disziplin ins Architekturschaffen eingegliedert werden. Die Devise „Form follows function“ (Louis Sullivan) wurde zunehmend befolgt. Maßgebend für das Bauhaus-Design ist die Effizienz und Nützlichkeit eines Produktes. Ästhetik und künstlerischer Ausdruck sollen durch die Funktion des Produktes geprägt sein. Auch der hygienische Gedanke spielt mit: Licht, Luft, Ordnung, Sauberkeit. Entgegen der damaligen Wahrnehmung verwarf Bauhaus keineswegs die architektonische Ordnung eines Baues. Im Gegenteil, er unterstrich dieses wesentliche Kennzeichen, da er den Schleier des Ornaments entzog. Authentizität wird in den Mittelpunkt gestellt, indem der ästhetische Wert des Materials mit Eleganz hervorgehoben wurde. Bauhaus versucht ebenfalls, Antworten auf die Frage nach qualitätsvoll eingerichteten Wohnungen für alle gesellschaftliche Schichten zu liefern. Funktionale, internationale Architektur will universal und zeitlos sein, sie will bewusst neutral sein, und sich abwenden von musealem Kunstverständnis.

Wie kam das Bauhaus schließlich nach Luxemburg und wo hat es seine Spuren hinterlassen?

Philippart 1927 hält die Moderne mit dem Bau des Kino „Ecran“ (10, rue de la Grève, Luxemburg) in Luxemburg Einzug. Der erst 24-jährige Architekt Léon Leclerc verteidigte seinen kubistischen Bau mit dem „besonderen Reklamewert“ des auffallenden Ziergiebels. 1928/29 entwarf der spätere Staatarchitekt Hubert Schumacher die kubistisch anmutende Villa des Malers Joseph Kutter auf Limpertsberg. Die ersten Entwürfe zeigten einen gewissen Einfluss des Bauhaus-Architekten Fritz Breuhaus, dessen Arbeiten ebenfalls in der vom Möbelhaus „Bonn“ aufgelegten Zeitschrift „Die Wohnung der Neuzeit“ mehrmals erwähnt werden. Die Weiterentwicklung der Bautechnik dank neuer Baumaterialien spielt eine wesentliche Rolle dabei, und Luxemburg, als siebter Stahlproduzent weltweit, weiß diese Rolle zu nutzen. Luxemburg fungierte als Labor neuer Techniken im Stahlskelettbau. Die Stahlwerke von ARBED und Paul Wurth nutzten erstklassige Lagen an der Rue du Fossé, am „Groussgaaseck“, am Bahnhofsplatz sowie an der Ecke Grand-Rue / Rue Beck, um an Bauhaus erinnernde Geschäftsgebäude an exponierten Plätzen zu errichten. Die in Luxemburg erstellten Stahlkorsette konnten somit in den Markt eingeführt werden. Columeta und SOGECO verkauften Luxemburger Stahlprodukte in der Welt. Die Innenräume konnten auf Zwischenwände und Säulen verzichten, und jedes Stockwerk konnte als funktionales „Plateau“ genutzt werden. Dieser Vorteil kam nicht nur Warenhäusern („A la Bourse“, „Hertz-Grünstein“, „Meta Brahms“) zugute. Das Hotel Kons bot seinen Gästen 1934 eine erste öffentliche Dachterrasse (Architekt Nicolas Schmit-Noesen). Die von Tony Biwer errichteten Wohnhäuser (1932-1934) der Nassau-Straße sollten hier nicht unerwähnt bleiben. Durch die entschlossene Einsetzung von Stahlbeton war es möglich geworden, weiteren Außenraum auf großzügig angelegten Dachterrassen zu schaffen. Die Arbeiten von Jean Lutz und Pierre Louvrié zielten in dieselbe Richtung. Die Mitwirkung Fritz Nathans am Bau „Hertz-Grünstein“ (rue du Fossé) ist bemerkenswert. Beachtenswert ist, dass Luxemburg betont „modernistisch“ baute, als zeitgleich „Bauhaus“ in Deutschland verboten wurde. Auch der Luxemburger Pavillon 1935 an der Weltausstellung in Brüssel sollte betont modernistisch sein. Gilt Architektur als politische Widerstandssprache? Das kann man sich durchaus fragen.    

Die frühere „Maternité Grande-Duchesse Charlotte“ ist ebenfalls Bauhaus. Was wissen Sie über dieses Gebäude und seinen Architekten? 

Philippart Auch der Bau der Entbindungsanstalt (1933) in Zusammenarbeit zwischen Hubert Schumacher und Otto Bartning beruht auf einem in Luxemburg hergestellten Stahlkorsett. Die Kontakte zu Bartning waren über Aline Mayrisch de Saint-Hubert zustande gekommen. 1928 hatte Bartning mit dem Bau der Stahlkirche auf dem Ausstellungsgelände in Köln internationalen Ruf erlangt. 1931 hatte er die „Landhausklinik“ in Berlin-Wilmersdorf entworfen. Nach dem Umzug des Bauhauses nach Dessau war er von 1926 bis 1930 Direktor der neu gegründeten Bauhochschule in Weimar. Der Architekt arbeitet streng nach dem Konzept des Bauhaus-Kollektivs, jedes Detail entspricht rigoroser Planung und umfasst Technik, Funktion, psychische Organisation, starke soziale Bindung. Die „Revue Technique“ unterstrich damals den Mehrwert der neuen Bauweise: Die Errichtung eines Gebäudes konnte innerhalb einiger Monate geschehen. Die Last des Baus war geringer als die eines in Stein errichteten Hauses. Mehrere Stockwerke konnten, ohne die Gebäudelast wesentlich zu erhöhen, errichtet werden.

Die wenigsten Luxemburger werden das Gebäude als besonders schön empfinden. Muss dennoch dafür gesorgt werden, dass es erhalten bleibt?

Philippart Bei Denkmalschutz stellt sich die Frage nicht nach dem, was subjektiv schön ist. Die Frage zum Erhalt des Gebäudes wird durch die „Commission des Sites et Monuments“ geregelt. Dieser Ausschuss richtet sich nach den Kriterien des Denkmalschutzamtes. Ziel muss es sein, die Bevölkerung und Eigentümer für den Mehrwert des Architekturerbes für Kultur und Wirtschaft zu sensibilisieren.

Aus heutiger Sicht: Kann man „Bauhaus“ mit „Moderne in Architektur und Design“ gleichsetzen, oder würde diese Umschreibung dem Stil nicht gerecht werden?

Philippart Walter Gropius sagte, dass „Bauhaus“ sein Ziel verfehlt habe, würde man die Bauten dieser Bewegung als „Stil“ bezeichnen. Das hätte die Bewegung und ihre Entwicklung eingeschränkt. Bauhaus gehört klar zur „Moderne“, die sich stets weiterentwickelt hat und mehrere Strömungen in sich aufnimmt.