Wie sich ein Übernahmestreit um die Suez-Gruppe in Frankreich auf Luxemburg auswirkt

Die Situation ist kompliziert. Die französische Energiegruppe Engie will sich von ihrer Beteiligung in der Suez-Gruppe trennen. Konkurrent Veolia macht ein Übernahme-Angebot, das von Suez abgelehnt wird. Suez wiederum verhandelt mit der deutschen Schwarz-Gruppe über die Ausgliederung von Recycling-Bereichen in der Müllverwertung. Und plötzlich landet die Angelegenheit in Luxemburg.
Suez verhandelt mit der Schwarz-Gruppe aus Neckarsulm. Diese Gruppe stellt Europas größte Einzelhandelskette dar. Schwarz besitzt Kaufland und Lidl, aber auch, was niemand weiß, ein drittes Standbein. Das heißt Müll. Mit der Tochtergesellschaft Prezero ist Schwarz in den Niederlanden und in Polen tätig, beschäftigt dort gut 3.000 Personen.

Müll als Ressource

Prezero wurde im Jahre 2018 als Vertriebsorganisation der GreenCycle GmbH gegründet. Die wiederum war ursprünglich für Management und Entsorgung der Wertstoffe von Lidl, Kaufland der Mitteldeutschen Erfrischungsgetränke (MEG) zuständig. Müll aber wird in der Industrie und im Handel schon lange nicht mehr als Abfall sondern als Wertstoff behandelt. In dem Maße, in dem sich das Wertstoffgeschäft entwickelte, wurde es ausgeweitet auf andere Produzenten von Wertstoffen über Lidl, Kaufland und die MEG hinaus. Die Schwarz-Gruppe gründete eine Plattform, auf der Kunden Angebote für die Entsorgung von Wertstoffen und Abfällen in Echtzeit einholen können.
Mit der Übernahme der westfälischen Tönsmeier-Gruppe erhielt das Abfallgeschäft der Lidl-Muttergesellschaft eine beträchtliche neue Dimenson. Kunststoff- und Glasrecyclng kamen hinzu, die sich auf eine Jahresleistung von 240.000 Tonnen entwickelten, dazu ein Heizkraftwerk. Prezero wurde ein großer Mitspieler im Markt der Müll- und Recycling-Wirtschaft. Für Suez war Prezero der geeignete Partner, um aus dem eigenen Angebot den Recycling und Wertstoffbereich auszuklammern, ihn Veolia zu entziehen und zu verkaufen. Suez und Prezero vereinbarten eine Partnerschaft zur gemeinsamen Entwicklung des Marktes und gleichzeitig exklusive Verhandlungen über die Übernahme der Recycling-Wirtschaft. Das Geschäft soll im ersten Halbjahr 2021 über die Bühne gehen.
In Luxemburg zeigt sich Alain Jacob, Generaldirektor des 1962 von Jean Lamesch gegründeten Abfall und Wertstoff Spezialisten, gelassen über das, was in Paris verhandelt wird. Seit 20 Jahren trägt Lamesch das Suez-Zeichen in seinem Logo. „Wir sind eine Tochtergesellschaft von Suez“, stellt er gegenüber dem „Journal“ klar. „Die Verhandlungen finden auf Pariser Ebene statt. Wir sind da nur indirekt betroffen.“

Chancen

Sorgen macht der Generaldirektor des Unternehmens, das Luxemburg sauber hält, sich nicht. „Wenn ich es richtig verstanden habe“, sagt er, „wollen die Schwarz-Gruppe und Prezero das Geschäft mit den Wertstoffen entwickeln. Darin liegen Chancen. Wir müssen hier in Luxemburg keine Angst haben.“ Jacob weiß, dass Luxemburg in der Branche kein Leichtgewicht ist. Sein Unternehmen steht mit 600 Mitarbeitern für einen Umsatz von 90 Millionen Euro. Direkten Kontakt hat er mit Prezero noch nicht gehabt. Er kennt das Unternehmen, wie alle anderen auch, zunächst nur aus den Medien.
Allerdings dürfte Lamesch in der Prezero Gruppe international eingebunden werden. Prezero wächst mit der Übernahme des Suez Geschäftes in eine neue Größe. Suez hat sich mit dem Unternehmen auf den Verkauf von 125 Standorten geeinigt. Das Unternehmen wird zukünftig 10.300 Mitarbeiter haben und in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Österreich, Polen, Italien, Deutschland und den USA tätig sein. Das Umsatzvolumen soll 1,1 Milliarden Euro betragen. Alain Jacob sieht wohl zu Recht offene Türen für ein zukünftig internationales Lamesch Geschäft. Der Mutterkonzern Schwarz ist über den Discounter Lidl, später die Übernahme von Kaufland und der stetigen Geschäftsausweitung zu einem Giganten des Einzelhandels geworden. Die Schwarz-Gruppe setzt über 100 Milliarden Euro um und beschäftigt etwa 458.000 Mitarbeiter. Bei den Standbeinen Lidl, Kaufland und Müll belässt es die Gruppe übrigens nicht. Künstliche Intelligenz ist auch ein Thema, Bilderkennung ein wichtiges anderes, um Wertstoffe besser trennen zu können.

Kampf um Eigenständigkeit

Die alte Dame Suez in der französischen Industrielandschaft kämpft derzeit um ihren Namen und ihre Eigenständigkeit. Suez, einst Finanzier des Kanals durch Ägypten, hat sich zu einem Versorger entwickelt, der Städte und Regionen mit Wasser und Energie versorgt. Beide Unternehmen sind die Nachfolger der beiden ehemaligen großen Versorger in Frankreich: Générale des Eaux und Lyonnaise des Eaux . Veolia sieht nun die Möglichkeit, die 29,9 Prozent des Suez-Kapitals, die von Engie gehalten werden, zu übernehmen. Danach soll es ein Übernahmeangebot für das gesamte Kapital geben. Frankreich hätte dann den großen Versorgungskonzern, der auch europäisch tätig ist, von dem das Land immer träumt.
Engie, Muttergesellschaft von Suez, verlangt mehr Geld als Veolia anbietet, macht aber Gespräche auch davon abhängig; dass Veolia Suez-Standorte und Arbeitsplätze sichert.  Offiziell hält sich die französische Regierung aus dem Übernahmeangebot von Veolia heraus. Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire aber hat bereits gemahnt: Frankreich könne sich in der augenblicklichen Situation eine Börsenauseinandersetzung nicht erlauben. Er sei auch offen, falls es andere Angebote geben sollte. Mit dem Geschäft zwischen Suez und der Lidl-Mutter hat Suez zumindest für einen Teilbereich seinen „weißen Ritter“ schon gefunden.