PATRICK WELTER

Das Gemaule ist groß: Der Vertrag sei zu wenig präzise, zu unambitioniert, zu Wischi-Waschi... . Motz und Moser. Mault ruhig, liebe Erbsenzähler, denn der gestern abgeschlossene „Vertrag von Aachen“ zwischen Frankreich und Deutschland hat etwas ganz anderes im Sinn. Er ist so etwas wie die Erneuerung des Eheversprechens zur Goldenen Hochzeit. Im konkreten Fall sind zwar schon 56 Jahre seit der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags vergangen, mit dem Charles de Gaulle und Konrad Adenauer die deutsch-französische Freundschaft institutionalisierten. Normalerweise kann man eine Freundschaft gar nicht „institutionalisieren,“ aber dieser Vertrag wurde unfassbar schnell von der gesellschaftlichen Basis aufgenommen. Nach 1963 waren Städtepartnerschaften und Schüleraustausch zwischen Frankreich und Deutschland völlig normal. Dabei hatte es ausgerechnet auf höchster Ebene, im Deutschen Bundestag, gehörig gekracht. Dort ließen sich die „Atlantiker“ von ihren Washingtoner Freunden instrumentalisieren und verwässerten den Vertrag mit einer USA-freundlichen Präambel.

Nach De Gaulle und Adenauer, waren es die Paarungen Schmidt/Giscard d’Estaing und Mitterand/ Kohl, die aus den „Erbfeinden“ das Gespann Bonn/Berlin-Paris machten. Nur so können Frankreich und Deutschland den europäischen Zug ziehen, von Anfang an unterstützt von den BeNeLux-Nachbarn. Allein, weil diese kein Interesse daran hatten, immer wieder zum Schlachtfeld der beiden großen Nachbarn zu werden. Paris war sich der Bedeutung der EU-Institutionen schneller bewusst als Bonn. Frankreich besetzte EU-Posten schon früh mit Spitzenleuten, Deutschland lange mit „has been(s).“

Apropos De Gaulle, der Alte war ein Prophet: Das Chaos um den Ausstieg Großbritanniens aus der EU, die Schmierenkomödie Brexit, zeigt, dass der alte General recht hatte. Er hatte sich einem Beitritt des UK zur damaligen EWG strikt verweigert.

Wenige Wochen, bevor die Briten ohne Austrittsvertrag - alles andere wäre ein Wunder - in den kalten Atlantik hinaustreiben, zeigen Macron und Merkel, durch die Vertragsunterzeichnung, dass es keinen anderen Weg für Europa als den der intensiven Zusammenarbeit gibt. Frankreichs Präsident wollte das schon länger, die gelernte Ostdeutsche Angela Merkel hat die Bedeutung von Europa erst in der zweiten Hälfte ihrer Kanzlerschaft entdeckt.

Der Vertrag ist auch ein Signal, dass es das Europa der zwei Geschwindigkeiten längst gibt, nicht offiziell, aber de facto: „Wir wollen mehr sein, als eine Wirtschaftsgemeinschaft.“ Kein Wunder, dass Nationalisten und Populisten ausflippen. Für die vernagelten Reaktionäre der AfD wollen die Franzosen den Deutschen nur Geld aus der Tasche ziehen, ein falscher aber immerhin noch realitätsnaher Vorwurf. Dagegen scheinen sich Marine Le Pen ihr FN und die angebliche Volksbewegung der Gelbwesten in einem politischen Parallel-Universum zu befinden: Frankreich verpflichte sich in dem Vertrag, das Elsass und das Department Moselle (57) an Deutschland zurückzugeben. Richtig gelesen! Marine Le Pen scheint irgendetwas sehr ungesundes zu rauchen. Außerdem unterschätzt sie, dass sich die von Paris abgehängten Regionen mit der Schnapsidee vielleicht anfreunden könnten.