LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

CNL legt neue Unterrichtsmappe zu Joseph Funcks „Kleines Schicksal“ vor

Die Diagnose sei genauso bekannt wie die langjährigen Klagen, dass zu wenig Luxemburger Autoren in den Schulen gelesen würden, hatte Claude D. Conter, Direktor des „Centre national de littérature“ (CNL), Ende August während einer Pressekonferenz bemerkt. In der Tat ist diese Diskussion nicht neu: Luxemburgs Literatur ist qualitativ und quantitativ höchst ergiebig, dennoch findet sie in den Schulen kaum Beachtung, was indes nicht am guten Willen des Lehrpersonals liegt, sondern vielmehr am Fehlen von entsprechendem Unterrichtsmaterial. Um den sich seit gefühlten Ewigkeiten im Kreis drehenden Debatten ein Ende zu bereiten, hatte sich das CNL dazu entschieden, selbst eine Lösung des Problems in die Wege zu leiten und eigenständig eine Reihe mit Unterrichtshilfen und didaktischem Material für den Sekundarunterricht zu entwickeln, dies auf Grundlage der Anthologie „Literaresch Welten“. Das didaktische Material dieser „Dossiers pédagogiques“ soll Sekundarschullehrern den Einsatz von Texten luxemburgischer Autoren im Unterricht erleichtern. „Wird didaktisches Material mitgeliefert, besteht eine größere Bereitschaft dazu, unsere Autoren zu lesen“, erklärte Conter im Sommer, als die erste Lehrerhandreichung in dieser Reihe - zu Guy Helmingers Kurzgeschichte „Theater“ - schließlich vorlag. Gleichzeitig wurde bereits die nächste Unterrichtsmappe in Aussicht gestellt, dies zu einem Auszug aus „Kleines Schicksal“ von Joseph Funck. Seit wenigen Tagen ist sie nun erhältlich.

Die Unterrichtsmaterialien zum ersten Kapitel aus „Kleines Schicksal“ wurden wiederum von Nathalie Jacoby, Professorin am „Lycée Ermesinde“ und halbzeitliche wissenschaftliche Mitarbeiterin am CNL, zusammengestellt und beinhalten neben Tafelbildern und Arbeitsaufträgen eine detaillierte Analyse des Textes und eine von Germain Wagner gelesene Tonaufnahme. Im Kontext dieses Projekts organisiert das CNL zudem eine Reihe von Fortbildungsseminaren, in denen dieses didaktische Material vorgestellt wird. Insgesamt sind übrigens bis 2019 elf Unterrichtsmappen geplant.

Wer war eigentlich Joseph Funck?

Bekannt wurde Joseph Funck vor allem durch die Erzählung „Kleines Schicksal“ aus dem Jahr 1934, die die Leser mit in die Welt des Lumpen-, beziehungsweise Kotsammlers Jim Steller im gutbürgerlichen Gedränge der Oberstadt nimmt. Geschrieben hatte sie Funck (1902-1978) indes in den Jahren 1932-33 für den Schreibwettbewerb der Literaturzeitschrift „Les Cahiers luxembourgeois“, aus dem er dann auch als Preisträger hervorging. Literaturbegeistert war Funck seit seiner Gymnasialzeit, auch seine ersten Schreibversuche gehen auf diese Zeit zurück. Obwohl ihn sein beruflicher Weg in die Dienste der „Société métallurgique des terres rouges“ in Esch führte, blieb die Leidenschaft für die Literatur und bereits in den späten 1920er Jahren veröffentlichte er erste Artikel in unterschiedlichen Luxemburger Zeitungen. Der Durchbruch gelang ihm schließlich durch seine Teilnahme an dem erwähnten Literaturwettbewerb. Sein damaliger Beitrag bildete schließlich das Anfangskapitel seines späteren Romans „Kleines Schicksal“. Der trunksüchtige Hauptprotagonist, Jim Steiler, repräsentiert darin die Unterschicht. In die gutbürgerliche Welt passt er nicht. Der Versuch, oder vielmehr das medizinisch-soziale Experiment, eines jungen Arztes, ihn dort Fuß fassen zu lassen, scheitert.

Der erste soziale Roman

Als das „wertvollste Werk des luxemburgischen Gegenwarts-Schrifttums“ beschrieb der Autor Evy Friedrich die Erzählung damals. Auch für Batty Weber nahm es in der luxemburgischen Literatur „die erste Stelle ein“. Voll des Lobes war außerdem Joseph-Emile Muller, für den das Werk „zu dem Besten“ gehörte, „was bis heute hier geschrieben wurde“. „Kleines Schicksal“ galt als erster sozialer Roman in der deutschsprachigen Literaturgeschichte Luxemburgs und sollte diese Stellung noch dazu lange halten.

„Kleines Schicksal“ wurde 2002 vom CNL in einer von Pierre Marson kommentierten Ausgabe in der Reihe „Lëtzebuerger Bibliothéik“ neu veröffentlicht. Eine aktualisierte Lesung der Erzählung stand indes im vergangenen September in einer Koproduktion mit dem CNL auf dem Programm des Kasemattentheaters.