CORDELIA CHATON

Es ist historisch gesehen noch gar nicht lange her, da war das Vereinigte Königreich die dominierende Industrie- und Seefahrtsnation, nämlich im 19. Jahrhundert. Auf seinem Höhepunkt umfasste das Britische Weltreich zwei Fünftel der Landfläche der Erde, von denen viele kriegerisch erobert worden waren. Aber Great Britain bröselt. 1947 wurde Britisch-Indien wurde unabhängig, die Staaten Indien, Bangladesch und Pakistan entstanden. 1961 wurden Somalia und Nigeria im Zuge der Dekolonialisierung unabhängig. Und jetzt läutet der Brexit die nächste Schrumpfrunde ein.

Zur Erinnerung: In einem Referendum über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union stimmten 2016 nur 51,9 Prozent der Wähler bei einer Wahlbeteiligung von 72 Prozent für den Austritt aus der Europäischen Union, den Brexit. Dieser Brexit wird seither mit massiv manipulatorischen Mitteln und sehr viel Geld geführt. Letztlich gewann der jetzige Premier Boris Johnson mit dem Versprechen eines harten Schnitts die letzte Wahl. Und genau der erhält jetzt Besuch von der frisch gebackenen EU-Präsidentin Ursula van der Leyen. Sie kam, um in ihrer Rede mit dem bezeichnenden Titel „Alte Freunde, neue Anfänge“ für eine Verlängerung der Verhandlungsfrist zu werben, denn der Brexit soll schon Ende Januar 2020 kommen. Seit er vor mehr als drei Jahren beschlossen wurde, haben sich die Briten zwar furchtbar zerstritten und als Volk entzweit. Aber vernünftige Vorschläge für einen Übergang haben sie nicht auf den Tisch gelegt. Da wäre eine Verlängerung sinnvoll. Doch genau die will der sich hemdsärmelig gebende Johnson nicht.

Begleitet wird van der Leyen von EU-Chefunterhändler Michel Barnier. Der Franzose leitete bereits die Gespräche über den Austritt und soll nun im Auftrag der EU auch über das künftige Verhältnis verhandeln. Nötig ist dafür jedoch ein Mandat, das die EU-Staaten Ende Februar erteilen könnten. Erst danach können die Verhandlungen starten. Womit schon klar ist, dass die Zeit nicht reichen wird. Und selbst mit Verlängerung wäre es knapp. Denn dann kommt die Sommerpause und die Weihnachtszeit und vieles mehr.

Das EU-Parlament will eine möglichst große Freizügigkeit für EU-Bürger. Doch auch das wird Johnson ablehnen, auf den Populisten im eigenen Land mit dem Finger zeigen.

Also wird es ein harter Brexit. Der wird eine Rezession mit sich bringen. Die wird zur Folge haben, dass London knapp bei Kasse sein wird. Dann fehlt das Geld für Belfast und Londonderry. In Irland gewinnt die Idee einer Wiedervereinigung derzeit mehr Freunde. Das wird noch an Fahrt aufnehmen, denn nach dem Brexit werden sich die Schotten voraussichtlich von Großbritannien lösen. Sie hatten sich schon 2016 in einem Referendum für den EU-Verbleib ausgesprochen. Selbst die königliche Familie könnte schrumpfen, denn Prinz Harry denkt daran, nach Kanada zu ziehen. So wird der Brexit zwar keine der bestehenden Probleme lösen, wie van der Leyen richtig sagte. Aber eine Menge neuer Baustellen schaffen - auch wenn Großbritannien dann viel kleiner sein wird. Wie wusste schon Oscar Wilde: „Der Mensch ist vielerlei. Aber vernünftig ist er nicht.“