LONDON
CHRISTIAN SPIELMANN

„Shock Treatment“ erstmals als Musical in London

Das Musical „The Rocky Horror Show“ von Richard O’Brien feierte 1973 seine Premiere in London. Regisseur Jim Sharman verfilmte die Bühnenshow 1975 unter dem Titel „The Rocky Horror Picture Show“, ein Film, der wie das Musical Kultstatus erlangte. 1981 entschieden sich der Komponist und der Regisseur, eine Fortsetzung zum Film zu drehen, „Shock Treatment“. Einzig die Charaktere von Janet Weiss und Brad Majors sind übrig geblieben, allerdings mit anderen Schauspielern besetzt: Jessica Harper und Cliff de Young. Komponist O’Brien, Patricia Quinn, Nell Campbell und Charles Gray blieben von der Original-Filmbesetzung übrig, aber in anderen Rollen.

Der Film, den man problemlos als schlecht bezeichnen kann, war ein Flop. Im Theater des Londoner Pubs „King’s Head“ feierte die erste Bühnenfassung von „Shock Treatment“ am 21. April seine Premiere.

Verrückte sorgen für Einschaltquoten

Das „King’s Head“-Pub auf der Nummer 115 in der Upper Street im Londoner Stadtteil Islington sieht aus wie die anderen Wirtshäuser in England. Das Spezielle ist sein Theater mit etwa 120 Sitzplätzen, das 1970 eröffnet wurde. Auf einer weißen Mauer im Hintergrund deutet die Leuchtschrift „On Air“ an, dass man sich in einem Fernsehstudio befindet, dem der Stadt Denton, was an den ursprünglichen Titel, „They Came from Denton High“ der „The Rocky Horror Show“ erinnert. Die Moderatoren Ralph (Mateo Oxley) und seine Bald-Ex-Frau Betty (Rosanna Hyland) begrüßen Brad (Ben Kerr) und Janet (Julie Atherton) als Überraschungsgäste in ihrer Show. Das junge Paar fühlt sich umso mehr überrumpelt, weil ihre Ehe als zerrüttet dargestellt wird. Die Ärzte Cosmo (Adam Rhys-Davies) und Nation McKinley (Nic Lamont) - sie sind Zwillinge - behaupten, dass Brads psychischer Zustand unstabil ist. Durch eine heimlich verabreichte Spritze bricht Brad zusammen, ein Zustand, der ihrer Theorie Recht gibt. Alle versprechen Janet, dass unter ihren Fittichen Brad wieder der Alte wird, und das publikumsträchtig vor laufender Kamera in der „Sanity Today“-Show.

Janet hat auf Drängen der Moderatoren ihr Aussehen verändert, und in ihrem schwarzen Kleid gefällt sie dem Besitzer des Fernsehsenders Farley Flavors (Mark Little). Dieser will sie und Ralph als Moderatoren für seine neue Show „Faith Factory“, was jedoch für Betty das Aus bedeutet. Live soll an Brad die neue Schock-Therapie praktiziert werden, die ihn heilen soll. Die bitter enttäuschte Betty kann etliche Ungereimtheiten aufdecken und Cosmo und Nation als Schauspieler entlarven.

Nur halb so verrückt

Für die Bühnenfassung wurde nur das Grundgerüst des Films belassen. Viele Charaktere wurden gestrichen, wie Janets Eltern oder der Richter Oliver Wright, und auch Handlungsstränge, wie, dass Brad und Farley Zwillingsbrüder sind oder die ganze Stadt ein Irrenhaus ist. Somit ist die Geschichte im Theater nicht so chaotisch wie im Film, aber immer noch verrückt genug, um die Lachmuskeln in Bewegung zu halten.

Talentierte Schauspieler

Alle Schauspieler haben genug Erfahrung und Talent, um auf engstem Raum zu gefallen, wie die wandlungsfähige Julie Atherton, die zuerst naiv wirkt, dann extrem sexy in ihrem schwarzen Kleid. Adam Rhys-Davies und Nic Lamont harmonieren wunderbar als Geschwister, die mal hetero, homo oder gar inzestuös angetan sind und für viele Lacher gut sind. Rosanna Hyland kennt die großen Musical-Bühnen von London, und Mark Little ist ein bekanntes Gesicht in Großbritanniens Theaterwelt, in der Mateo Oxley ebenfalls positiv auffiel.

Theatererlebnis der anderen Art

Die Lieder waren das Beste am Film, und auch wenn einige auf der Bühne weggelassen wurden, klingen „Denton U.S.A.“, „Bitchin‘ in the Kitchen“, „Look What I Did to My Id“ und „Little Black Dress“ recht gut. „Shock Treatment“ im „King’s Head“ ist vom Aufwand her weit von den teuren West-End-Produktionen weg, aber in seiner Intimität und Einzigartigkeit des Ambientes ein Theatererlebnis der anderen Art, das man riskieren kann.