CORDELIA CHATON

Cambridge - das klingt gut. Nach klugen Akademikern und vertrauenswürdigen Leuten. So ähnlich müssen die Erfinder von „Cambridge Analytica“ gedacht haben, als sie ihre Firma gründeten. Deren Zweck: Der Welt millionenfach die Hucke voll lügen und die politische Meinung samt Wahlen beeinflussen. Das haben sie auch geschafft, sowohl beim Brexit - der allein deswegen schon für ungültig erklärt werden sollte - als auch bei der Wahl von Trump. Rausgekommen ist es, weil der Programmierer hinter Steve Bannons damaliger Beeinflussungsmaschine ein schlechtes Gewissen hat und jetzt Whistleblower ist. Sein Geständnis: Es ging um Millionen Facebook-Daten, die geplündert, genutzt und adressiert wurden. Die Börse, die stets eine feine Nase für Katastrophen hat, degradierte die Facebook-Aktie umgehend um sieben fette Prozent.

Nur ändert diese Erkenntnis die Wahl nicht. Schlimmer noch: Es ist bekannt und nachgewiesen, dass die Feinde der Demokratie - Bannon, Putin und Populisten verschiedener Länder - so Wahlen manipulieren. Keiner hat deshalb bislang eine Wiederwahl gefordert oder das Ergebnis in Frage gestellt. Jetzt zeitigt diese Strategie erste, tragische Erfolge.

Denn in Brüssel, also dem Ort, der für Europas Einheit und seine Entscheidungsfindung steht - droht die politische Ohnmacht. Durch die Wahlergebnisse in Italien, Ungarn, Polen, Tschechien und der Slowakei haben EU-Kritiker Oberwasser. Bislang gab es in Brüssel einen Block der gemäßigten Mitte. Doch wie lange wird dieser Block solide bleiben? Zum einen stellt sich die Frage, wie sich die Liberalen verhalten und ob Macron mit der Idee einer eigenen Plattform Erfolg hat. Werden dann die Ränder wachsen? Zum anderen droht dem Parlament 2019 die Blockade aus dem Innersten heraus, durch die Euroskeptiker. Sie könnten eine Sperrminorität durchsetzen und so für Chaos im EU-Ministerrat und im EU-Parlament sorgen. Was will die EU dagegen tun? Vielleicht Leute wie den Whistleblower engagieren und massiv pro-europäische Werbung machen?

An politische Beeinflussung denkt derweil auch eine andere Partei, die für alles außer demokratische europäische Gesinnung bekannt ist: die AfD. Die fängt jetzt als erste und bislang einzige Partei in Deutschland mit einem Newsroom an. Dahinter steht nichts anderes als die professionelle Aufbereitung von Nachrichten für alle Kanäle: TV, Mail, Facebook, Youtube, Snapchat, Instagram, WhatsApp, Twitter, Pinterest, LinkedIn und so weiter - und deren Analyse. Dann wird nachjustiert. Das ist weitaus gefährlicher, als man denkt. Denn weil Profis Geschichten aus der AfD erzählen, wirkt es glaubwürdiger.

Die AfD hat die Idee übrigens nicht erfunden. Newsrooms sind die große Hype in Deutschland. Daimler hat bereits 200 Mitarbeiter dafür eingestellt, 1.000 weitere folgen. Ein professionelles Redaktionssystem ist gekauft. Siemens, , die Post und die Datev machen es ebenso. Viele Mittelständler stellen kleinere Teams um die drei Leute an. Hauptsache, crossmedial zur Sache gehen. Das ist logisch, aber auch besorgniserregend. Denn für Nutzer wird immer schwerer erkennbar, was unabhängiger Journalismus ist und was Fake News. Angebote wie das von Cambridge Analytica mögen manchem Unternehmen bald als akzeptabler Zusatzdienst erscheinen.