ESCH/ALZETTE
CORDELIA CHATON

Bei Arcus im Escher Centre Formida finden Jugendliche mit Schwierigkeiten eine Anlaufstelle

Er hatte fünf Jahre auf der Straße gelebt, geraucht, geschluckt, geklaut. Dann kam er ins „Centre Formida“ von Arcus in Esch/ Alzette. Sieben Monate blieb er, kam morgens, arbeitete in den Workshops mit, fasst Selbstvertrauen und fand zu sich. Auch mit einem betreuten Wohnplatz klappte es. Jetzt geht er wieder zur Schule.

Es sind solche Fälle, die Viviane Hansen motivieren. Die Direktorin des Centre Formida will die Jugendlichen dort abholen, wo sie sind: „In der Regel haben sie kein Diplom, oft keinen Schulabschluss und keine Perspektive. Viele spielen bis 3.00 nachts Computerspiele und kennen keine festen Mahlzeiten. Wir sind hier, um ihnen wieder Lust zu machen, sie zu motivieren“, erklärte sie. Die meisten jungen Menschen, die den Weg in das vor einem Jahr eröffnete Centre Formida finden, sind zwischen 16 und 25 Jahren. „Deutlich mehr Jungs als Mädchen“, wie Hansen konstatiert. Auf sie warten keine Klassen, Diplome oder Zertifikate, sondern Werkbänke, Regale und vor allem Gespräche.

„Sie kommen mit ihrem Rucksack voller schlechter Erfahrungen. Oft fehlen elementare Fähigkeiten wie der Umgang mit Frustration, Höflichkeit Pünktlichkeit“, berichtet Wolfang Ost, „chargé de mission“. Die meisten bleiben 12 bis 15 Monate und lernen in dieser Zeit täglich zwischen 8.00 und 15.00 wieder Tritt zu fassen. „Wir arbeiten beispielsweise mit Holz und Metall“, sagt Ost. Er zeigt einen Garderobenhaken aus Schraubschlüsseln, den die Jugendliche hergestellt haben. So etwas macht sie stolz, ist aber auch ökologisch sinnvoll, denn Arcus arbeitet möglichst viel mit Recyclingmaterial. Vieles erhalten sie von großen Unternehmen, Ausschussware oder Spenden.

Jugendliche ohne Abschluss begleiten

Hansen betreut mit einem Team aus Pädagogen und Erziehern seit einem Jahr rund 50 Jugendliche. Für viele ist es die letzte Anlaufstelle. Nicht alle sind freiwillig hier, manche hat das Jugendgericht geschickt. Das Centre Formida ist eine junge Struktur, die auf die steigende Zahl an Jugendlichen ohne Abschluss reagieren soll. Es wird teilfinanziert vom „ Ministère de l‘éducation nationale de l’enfance et de la jeunesse „. Die stadtnahe Lage auf einem ehemaligen Arbed-Gelände hat ihren Charme. „Wir haben versucht, den Stil des rund hundert Jahre alten Gebäudes weitestgehend zu erhalten“, sagt Hansen, während sie durch die Räume führt. Im Centre werden auch Kinder empfangen, die dort werden Kinder empfangen, die die dort an kreativen Workshops teilnehmen. Die Materialien dafür sortieren Jugendliche in die Regale.

Eine Aufgabe des Centre Formida ist es, den Jugendlichen realistische Bildung- und Berufsperspektiven schmackhaft zu machen und Alternativen zu ihren ursprünglichen - oft unrealistischen - Bildungs- und Berufswünschen aufzuzeigen. Denn viele der Jungs wollen Automechaniker werden und die Mädchen denken an Kosmetikerin oder Verkäuferin. Auch Tätigkeiten in Verbindung mit dem Garten oder Tieren sind beliebte Berufsziele. Doch wenn Hansen und Ost sie mit der Realität und deren Anforderungen konfrontieren und Alternativen aufzeigen, ändert manch einer seine Meinung. „Wir hatten einen jungen Mann, der Reiseverkehrskaufmann werden wollte, aber nicht die notwendigen Sprachkenntnisse besaß. Jetzt macht er eine Lehre als Patissier bei einem angesehenen Betrieb und ist sehr froh“, berichtet Ost. „Manche kennen ihre Stärken nicht, andere wissen nichts über den Berufsalltag.“ Deshalb arbeitet das Centre Formida eng mit Unternehmen zusammen. Das ist hilfreich, aber nicht immer einfach. „Diese Betriebe haben niemanden, der die Jugendlichen betreuen kann, da ist es oft schwierig für sie, ihren eigenen Platz zu finden“, weiß Hansen. „Wir sind schon froh, wenn sie zwei bis drei Wochen beim Praktikum durchhalten.“ Viele ihrer Schützlinge haben kein DAP und erst recht kein BTS, sondern nur ein CCP. Das reicht Unternehmen oft nicht. „Dabei sind sie geschickte Handwerker“, versichert die Direktorin.

Fehlende Ausbildungsreife

Sie und ihr Team haben festgestellt, dass die wenigsten Jugendlichen dreisprachig sind. Vielen ist nicht mal bewusst, dass man Menschen höflich begrüßt. Das, was im Bürodeutsch Ausbildungsreife heißt, liegt nicht vor. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Das Centre Formida arbeitet ressourcenorientiert und bietet hierzu ein vielfältiges Programm an, das Grundlagen in Mathematik ebenso einschließt wie die Arbeit mit Theaterpädagogen.

„Wenn sie emotional andocken, dann klappt es hier“, stellt Ost fest. Die gefühlsmäßige Bindung und Öffnung sind der Schlüssel zur Motivation. Erst danach macht eine Orientierung Sinn. Wenn es klappt, schaffen die Jugendlichen schöne Dinge wie eine selbst gebaute Sitzecke, ein Bauernhof mit Holztieren oder eine Recyclingkiste zeigen. „Wir werden noch das Erdgeschoss ausbauen und haben dann doppelt so viel Platz und mehr Möglichkeiten, beispielsweise im Bereich Layout und Grafik“, freut sich Hansen.

Nach einem Jahr ist sie zufrieden mit dem bislang Erreichten, auch wenn es keine Statistiken gibt. Sie geht davon aus, dass rund die Hälfte es in einen Job geschafft hat. „Wir reden viel mit den Unternehmen. Wir haben Leute mit einer Inselbegabung und machen uns viele Gedanken über die Zukunft der Arbeit“, sinniert Hansen. „Wir fragen uns, wie die Arbeitswelt in zehn bis 15 Jahren aussieht und was mittelfristig sinnvoll ist.“ Bei allen Zweifeln weiß sie eines: An Kandidaten fehlt es nicht.