LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Teststrecke mit dritter Fahrspur für Fahrgemeinschaften auf der Autobahn A6 kommt 2023

Das Kernproblem ist seit langem bekannt: „Jeden Morgen werden 250.000 leere Autositze nach Luxemburg gefahren“. Laut Transportminister Bausch schaute man früher bei der Transportplanung, wieviel Fahrzeuge von A nach B kommen müssen. Das Verkehrskonzept MODU 2.0 stellt die Frage anders: Wie viele Personen müssen von A nach B transportiert werden und wie sind die Ressourcen dafür effektiv zu nutzen?

Neben den klassischen Transportmitteln wie Bus und Bahn gibt es noch eine dritte Möglichkeit: Die „Fahrgemeinschaft“. Im günstigsten Fall wird so aus vier Einzelfahrern mit vier Autos eine Gemeinschaft von einem Fahrer und drei Mitfahrern in einem Auto. Womit die Verkehrsdichte effektiv um drei Autos reduziert wird. Einhundert Fahrgemeinschaften sorgen für bis zu 300 Autos weniger auf den Straßen rund um Luxemburg.

Bonbon für Fahrgemeinschaften

Natürlich ist schon die Teilung der Fahrtkosten ein Gewinn für die Fahrgemeinschaft. Verkehrspolitisch kann man aber noch mehr tun: Durch die Einrichtung von Extra-

Fahrspuren auf der Autobahn für Fahrgemeinschaften, genauer von Fahrzeugen, die mit mindestens drei Personen besetzt sind, sollen diese in den Stoßzeiten morgens und abends schneller vorankommen.

Woher aber die zusätzliche Fahrspur nehmen? Zu dieser Gretchenfrage stellte Transportminister François Bausch gestern eine Machbarkeitsstudie vor. In den USA und Kanada gibt es räumlich getrennte „3+“-Spuren in der Mitte der Highways und Interstates auf der linken Spur. Bei den belgischen Nachbarn wird die Standspur zur Mitfahrer- und Bus-Spur; mit einer absoluten Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h. Auf den ausgewiesenen Strecken in Belgien bestehen die Mitfahrerspuren dauerhaft.

Luxemburg greift die belgische Idee auf, damit die Mitfahrerspur der E 411 nicht an der Grenze ins Leere läuft. Auf der Autobahn A6 wird von der Grenze bei Sterpenich bis kurz vor der Ausfahrt Mamer eine Teststrecke von 6,5 Kilometern mit einer „3+“-Spur gebaut. Allerdings ist mit einem Baubeginn erst 2021 zu rechnen. Die Kosten werden sich inklusive Erneuerung der Signalbrücken auf 60 Millionen Euro belaufen.

Dynamische Verkehrsführung

Die luxemburgische Version einer Mitfahrerspur wird sich deutlich von denen in Belgien unterscheiden. Zunächst wird die Standspur nach rechts um rund einen Meter verbreitert, was größere Umbauarbeiten an der Autobahnauffahrt Steinfort und an der Abfahrt zur Raststätte Capellen mit sich bringt. Der Hauptunterschied liegt aber darin, dass es sich um ein dynamisches System handelt.

Zunächst bleibt die Standspur weiterhin Standspur, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 130 km/h auf den beiden anderen Spuren. Wenn der Berufsverkehr gegen 6.15 beginnt, wird über Verkehrsleitanlagen, ähnlich den CITA-Brücken, die Höchstgeschwindigkeit auf ganzer Breite auf 90 km/h gesenkt und die Standspur als „3+“-Spur freigegeben, ebenfalls bis 90 km/h. Um 9.45 springt das System wieder zurück auf „normalen“ zweispurigen Verkehr mit maximal 130 km/h. Am späten Nachmittag und Abend wird dann wieder auf den dreispurigen Modus umgeschaltet.

Während der Bau der Mitfahrerspur frühestens 2021 losgeht, soll die Verkehrsleitung über eine Geschwindigkeitsreduktion auf 90 km/h in den Spitzenstunden schon ab Juni auf der Autobahn A6 getestet werden.

Auf Nachfrage hin, wieso man nicht auf das belgische Modell zurückgreife, machte der Chef der Straßenbauverwaltung, Roland Fox, sehr vorsichtig formulierend deutlich, dass er die Beschränkung auf 50 km/h für sehr unfallträchtig hält. Hinzu komme, dass das System unflexibel sei.

Natürlich stellt sich bei Fahrgemeinschaften die Frage, wo denn die Autos der Mitfahrer bleiben. Eine Reihe von Großparkplätzen für Bahnpendler sind im Bau oder in der fortgeschrittenen Planung. Für Fahrgemeinschaften sieht es noch anders aus. In Luxemburg gibt es nur einen ausgewiesenen Mitfahrerparkplatz, den an der Autobahnraststätte Wasserbillig. Luxemburg wird im französischen Metzange (Thionville) einen Mitfahrerparkplatz mit 700 Plätzen bauen. Über entsprechende Parkplätze in Belgien konnte man keine Auskunft geben.

Schub für die Fahrgemeinschaften

Wallonien mit zwei Pilotprojekten auf der Autobahn

Der wallonische Transportminister Carlo di Antonio gibt heute Morgen im Autobahnüberwachungszentrum „Perex” bei Namur eine Pressekonferenz zu den Fahrgemeinschafts-Pilotprojekten in Wallonien, wie sein Sprecher François Dubru uns auf Nachfrage sagte. Es gibt derzeit zwei solche Projekte: Das eine zwischen Wavre und Brüssel, das andere auf elf Kilometern zwischen Arlon und der luxemburgischen Grenze an der E411, die in den vergangenen Monaten vollständig instand gesetzt wurde. Wenn es staut, dürfen Autos mit mindestens drei Personen an Bord (inklusive Fahrer) die ehemalige Notspur benutzen, wobei die Geschwindigkeit dort auf 50km/h begrenzt ist. An der Strecke wurden auch 20 Ausweichzonen gebaut, die bei Pannen genutzt werden können. Kameras entlang der Strecke werden die Wagen erfassen, die auf der besagten Spur unterwegs sind. Die Kameras sind in der Lage die Nummernschilder zu erfassen. Wer also unerlaubt auf der Fahrgemeinschaftsspur unterwegs ist, riskiert ein Bußgeld. Wallonien hat in den letzten Jahren einiges getan, um Fahrgemeinschaften zu fördern. So wurden rund 2.000 Parkplätze ausgewiesen, auf denen die Autofahrer, die sich für Fahrgemeinschaften hergeben, warten können. Auch wurde mit ComOn eine App geschaffen, auf der sich die Teilnehmer an Fahrgemeinschaften verabreden können. Laut wallonischem Transportministerium machen die Strecken, die Fahrgemeinschaften zurücklegen, rund vier Prozent der Bewegungen zwischen zuhause und dem Arbeitsplatz aus.

Erfahrungen aus Nordamerika

In Kanada und den USA gibt es „High Occupancy Vehicle lanes“ (HOV) schon seit rund zehn Jahren. Sie beziehen sich auf bestimmte Fahrzeuge, die in der Regel mindestens zwei, wenn nicht drei Passagiere transportieren müssen. Zugelassene Fahrzeuge sind in der Regel Autos, Motorräder, Lieferwagen oder kleine Lkw sowie Busse, Taxen, Feuerwehr und Notarzt sowie speziell immatrikulierte Fahrzeuge. Bei Zuwiderhandlung gibt es eine Strafzahlung von rund 100 Euro sowie eine Punktstrafe. Findige Fahrer hatten Schaufensterpuppen mit sich geführt. Üblicherweise wird die linke Spur genutzt, da dort weniger Abfahrten vorhanden sind.

Fahrgemeinschaften in Luxemburg

Im Jahr 2018 startete das Transportministerium die App „CoPilote“ samt Internetseite, um mehr Fahrgemeinschaften zu initiieren. Teilnehmer können in Echtzeit Mitfahrer wahrnehmen oder sich innerhalb eines Unternehmens zu Gemeinschaften zusammenschließen. Die Anwendung ist schnell und einfach. Kosten und Abfahrtsorte werden sofort angezeigt. Bislang zählt die Anwendung rund 4.300 Nutzer. Die CFL hat ebenfalls 2018 ihr Carsharing Flex im Angebot, die rund 80 Fahrzeuge umfasst. Die von der Stadt Luxemburg finanziell geförderte Fahrgemeinschaft Carloh umfasst neun Stationen und 17 Fahrzeuge. Die Stadt Luxemburg steckt nochmal 2,8 Millionen Euro in dieses Carsharing.