LUXEMBURG/JERUSALEM
BODO BOST

Nicht-Juden, die unter Gefahr für das eigene Leben, Juden gerettet haben

Die von der Jerusalemer Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem vergebene Ehrung als „Gerechter unter den Völkern“ ehrt Nicht-Juden, die unter Gefahr für das eigene Leben, Juden gerettet haben. In Luxemburg weilte im vergangenen Jahr ein Vertreter von der Jerusalemer Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem zu Besuch. Bislang gibt es erst drei anerkannte Luxemburger Judenretter, Pierre May (1913-1996), Victor Bodson (1902-1984) und Alphonse Kauthen (1901-1982). May und Kauthen werden bislang in Yad Vashem als Belgier geführt, weil sie während des Krieges in Belgien lebten und dort Juden gerettet hatten.

Auch weitere bislang noch nicht von Yad Vashem anerkannte Luxemburger haben während der Nazi-Verfolgung Juden geholfen, indem sie sie versteckten, Wertsachen aufbewahrten oder über die Grenze schmuggelten. Aloyse Jacoby, ehemaliger Kommandant der luxemburgischen Freiwilligenkompagnie, brachte Juden ins unbesetzte Frankreich. Misch Scholtes brachte Fritz Levy, den jüdischen Direktor einer Tuchfabrik, über die Grenze nach Belgien und half ihm so, der Verhaftung durch die Gestapo zu entgehen. Der Landwirt Charles Jodozy versteckte den Juden Charles Juda, der sich zuvor geweigert hatte, den „Judenstern“ zu tragen, in Befort. Die Familie Nicolas Philippi-Christ aus Differdingen versteckte elf Monate lang die Jüdin Hertha Grunebaum, bevor diese sich dank der Familie Anton und Eugène Juncker bis zur Befreiung bei Familie Greischer in Reiland verstecken konnte. Die insgesamt jedoch geringe Anzahl luxemburgischer Judenretter überrascht etwas, wenn man bedenkt, welch großen Rückhalt die nationalen Widerstandsgruppen innerhalb der eigenen Bevölkerung gefunden hatten. Dagegen waren die Juden weitgehend auf sich allein gestellt und konnten sich dabei nur vereinzelt auf einheimische Unterstützer und Helfer verlassen.

US-Botschafter Waller und der deutsche Besatzungsoffizier Franz von Hoiningen Huene

Eine Nichte des ehemaligen US-Botschafters George Platt Waller Junior (1889-1962), der seit 1931 in Luxemburg stationiert war, hat Kontakte mit Yad Vashem aufgenommen, um die Bemühungen von Platt Waller während der deutschen Besatzung in Luxemburg zur Rettung von verfolgten und bedrohten Juden zu untersuchen und zu dokumentieren. Der aus Montgomery in Alabama stammende Waller war seit 1913 US-Konsul im damals noch österreichischen Karlsbad in Böhmen. Zwischen 1915 und 1920 diente er an der US-Botschaft in Athen, seit 1920 war er US-Konsul in Dresden, bis er 1931 US-Gesandter in Luxemburg wurde. Luxemburg wurde zum wichtigsten Posten in seiner diplomatischen Karriere. Bei der Besetzung Luxemburgs 1940 war er einer der dienstältesten Botschafter, er war auch der einzige, der auf seinem Posten blieb, bis Sommer 1941, als das Land längst von Hitler-Deutschland annektiert worden war.

In dieser Zeit wurde Botschafter Waller zu einer großen Stütze für die verfolgten Luxemburger, vor allem für die noch 2.000 im Lande verbliebenen Juden. Allein 500 von diesen verschaffte er Ausreisevisa in die USA, obwohl die Vereinigten Staaten sonst während des Krieges eher eine restriktive Flüchtlingspolitik betrieben. Das große humanitäre Engagement von Botschafter Waller zur Rettung der Juden war nur möglich, weil es auch auf deutscher Seite einen Besatzungsoffizier, Franz von Hoiningen Huene (1888-1973), gab, der luxemburgischen Juden half, das Land zu verlassen. Von Hoiningen, der in Saar Union in Lothringen geboren wurde, stammte aus einem alten baltischen Adelsgeschlecht und hatte nach dem Ersten Weltkrieg die Luxemburgerin Marie-Amelie de la Fontaine geheiratet. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde der in Luxemburg lebende Offizier als Leiter der Passierscheinstelle der Wehrmacht remobilisiert. Er konnte in dieser Position vielen Juden zur Flucht ins neutrale Portugal verhelfen. Waller und von Hoiningen hatten wegen dieses Verhaltens mehrmals Probleme mit vorgesetzten Dienststellen, Waller zog sich Rügen des US-Außenministers Cordell Hull zu, der ihn daran erinnerte, nur Juden mit kompletten Dossiers ein Visum für die USA auszustellen. Von Hoiningen, der in Wehrmachtskreisen in Paris Hitler als Verbrecher bezeichnet hatte, bekam sogar ein Verfahren wegen Wehrkraftzersetzung. Das Kommandanturgericht Berlin, unter der Präsidentschaft des damaligen Berliner Stadtkommandanten Paul von Hase, das eigentlich bei Wehrkraftzersetzung (§5, Abs. 1,Ziff.1) die Todesstrafe hätte aussprechen sollen, ordnete nur eine Zuchthaus-Strafe von zwei Jahren an. Strafmildernd wurde in der Urteilsbegründung vor allem unterstellt, dass von Hoiningen an den „Spätfolgen einer im Ersten Weltkrieg davongetragenen Bauchschussverletzung leide, die seine innere Widerstandskraft offenbar auch heute noch beeinträchtigt“. Hierfür hatte der bekannte Arzt Professor Sauerbruch an der Berliner Charité-Klinik ein Gutachten zugunsten von Hoiningens erstellt. Eine ebenfalls von Professor Sauerbruch veranlasste Klinikeinweisung in das Krankenhaus Berlin-Buch nutzte von Hoiningen am 10. September 1944 zur Flucht und zum Untertauchen. Später konnte er auf den luxemburgischen Besitz seiner Frau in Limpertsberg gelangen, wo sich bereits alliierte Truppen befanden. Nach dem Krieg ist er auf das weitgehend zerstörte Schloss Thorn zurückgekehrt, wo er am 1. Mai 1973 gestorben ist. Botschafter Waller war ebenfalls wegen seines humanitären Engagements für Verfolgte bei seinen Vorgesetzten in Ungnade gefallen, Obwohl er gerade auch während seines Aufenthaltes in Luxemburg zu einem großen Verehrer der europäischen Lebensart geworden war, wurde er nach dem Krieg in ein unbedeutendes US-Konsulat in Chihuahua in Mexiko versetzt und starb 1962 in seiner Heimat. Für beide Judenretter in Luxemburg hat Yad Vashem Akten angelegt und ist dabei, überlebende Gerettete und Verwandte zu befragen, die meisten von ihnen leben heute in den USA.