LUXEMBURG
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Felipe Kuhn Braun ist Präsident des Stadtrates der brasilianischen Großstadt Novo Hamburgo

Eine der ersten Dienstreisen des neuen luxemburgischen Botschafters in Brasilien, Carlo Krieger, der seit September 2017 in Brasilia residiert, wird ihn im Februar nach Novo Hamburgo im Bundesstaat Rio Grande do Sul führen. Eingeladen wurde er von Felipe Kuhn Braun, der seit dem 1. Januar Präsident des Stadtrates dieser Großstadt mit 260.000 Einwohnern ist. Erst vor zwei Jahren wurde der 30-jährige Felipe Kuhn Braun, für die „Partido Democrático Trabalhista“ (PDT) in den Stadtrat von Novo Hamburgo gewählt, vorher war er einige Jahre allerdings bereits als Nachrücker dieser Partei im Stadtrat. Felipe Kuhn Braun besitzt seit einem Jahr auch einen luxemburgischen Pass, wie 800 weitere Brasilianer luxemburgischer Herkunft, die nach einem luxemburgischen Gesetz von 2008 die Staatsangehörigkeit ihrer Vorfahren wieder beantragt hatten. Felipe Kuhn Braun ist ein junger Politiker, Journalist, Autor und Historiker, dessen Vorfahren sich vor 150 Jahren in der Gegend von Novo Hamburgo niedergelassen hatten.

Novo Hamburgo, Hauptstadt des BundesstaatesRio Grande do Sul

Novo Hamburgo liegt 45 Kilometer nördlich der Millionenstadt Porto Alegro, der Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Sul, im Tal des Rio dos Sinos. Die nur dünn besiedelte Gegend wurde seit 1824 das erste Zentrum der deutschsprachigen Einwanderung in Süd Brasilien. Auch das Gros der luxemburgischen Auswanderer nach Brasilien, die gemeinsam mit den Hunsrückern und Eiflern nach Brasilien ausgewandert sind, hat in dieser Gegend eine neue Heimat gefunden. Alle zusammen hatten Europa im Hafen von Hamburg verlassen, deshalb tauften sie ihre neue Siedlung „Hamburgerberg“. So heißt heute noch die Altstadt von Novo Hamburgo. 1927 erhielt Novo Hamburgo Stadtrechte. Novo Hamburgo ist heute eine schnell wachsende Industriestadt, reich geworden ist die Stadt mit Gerbereien und Schuhfabriken. Die deutschsprachigen Einwohner hatten auch ihre landwirtschaftlichen Techniken mit nach Brasilien gebracht. Aber vor allem das Modell des Kooperationswesens war das Erfolgsrezept der deutschsprachigen Einwanderung, dadurch konnten sie gegenüber dem damals in Brasilien weit verbreiteten Großgrundbesitz bestehen und sogar erstmals in Brasilien eine Art Mittelstand bilden. In den nahe gelegenen Kleinstädten um Novo Hamburgo wie Ivotí, Dois Irmãos und Sapiranga ist das Riograndenser Hunsrücker Platt, das sehr stark dem „Lëtzebuergesch“ gleicht, auch heute noch Umgangssprache, in einigen Orten sogar als zweite Amtshilfssprache.

Felipe Kuhn Brauns große Leidenschaft, noch vor der Politik, ist die Familienforschung. Bereits mit 14 Jahren begann er mit der Erforschung seiner Vorfahren, die aus dem Hunsrück, Saarland, Russland und Luxemburg stammten. Einige Reisen nach Europa hat er deswegen bereits im jugendlichen Alter unternommen. Nach seinem Jura- und Journalistikstudium an der „Universidade Feevale“ in Novo Hamburgo, arbeitete er einige Jahre in der „Assembléia Legislativa“ von Rio Grande do Sul, dem Lokalparlament des Bundesstaates Rio Grande, gleichzeitig hat er jedoch noch mit einem Studium der Geschichte begonnen. Im August 2010 wurde Felipe Kuhn Braun mit 23 Jahren ins Kuratorium des Museums „Visconde de São Leopoldo“ berufen, das sich dem Andenken der deutschsprachigen Einwanderung in Südbrasilien widmet. Felipe Kuhn Braun gilt trotz seines jugendlichen Alters in Rio Grande do Sul als Pionier der digitalen, genealogischen Forschung. 15 Bücher, Hunderte von Zeitschriftenartikel und viele Blogs zum Thema Einwanderung gehen auf ihn zurück.

Aus Brasilianern werden wieder Luxemburger

Viele Nachkommen der luxemburgischen Auswanderer-Sippen Mombach, Colling, Wiltgen, Junges und so weiter, die in der Nähe von Novo Hamburgo wohnen und jeweils Hunderte von Personen umfassen, haben sich in den letzten Monaten an Felipe Kuhn Braun gewandt, weil auch sie von der Möglichkeit Gebrauch machen wollen, die luxemburgische Staatsangehörigkeit zurückzuerlangen. Ein Gesetz, das 2008 verabschiedet wurde und noch bis zum 1. Januar 2019 in Kraft ist, ermöglicht es, Nachkommen von luxemburgischen Auswanderern des 19. Jahrhunderts die Staatsbürgerschaft des Großherzogtums zu erhalten - ohne Sprachtests und Bürgerkurse besucht zu haben und ohne jemals in Luxemburg gelebt zu haben. Wesentliche Voraussetzung für die Erlangung der Staatsangehörigkeit ist die Vorlage der Geburtsurkunde eines in Luxemburg geborenen Auswanderers, von dem der Antragsteller in direkter Linie abstammt. Viele der von Bevölkerungswissenschaftlern berechneten heute etwa 30.000 antragsberechtigen Nachfahren luxemburgischer Auswanderer wissen jedoch gar nicht, dass sie luxemburgische Vorfahren haben und antragsberechtigt sind.

Die hunsrücker, saarländischen und luxemburgischen Auswanderer sind zusammen nach Brasilien gegangen und sie haben generationenlang untereinander geheiratet. Felipe Kuhn Braun, der unter seinen eigenen Vorfahren Angehörige von vier Nationalitäten hat, ist ein gutes Beispiel dafür. Woher seine Vorfahren im Einzelnen stammten, wusste er nur dank seiner genealogischen Forschungen. Die Interessenten für die Erlangung der luxemburgischen Staatsangehörigkeit, selbst wenn sie wissen, dass sie Anspruch auf die Staatsangehörigkeit haben, müssen sich an die sehr teuren kommerziellen Beratungs-Firmen und Agenturen wenden, um den Abstammungsnachweis zu führen. Viele der eigentlich Antragberechtigten haben nicht das Geld dazu. Von daher ist die Wahl von Felipe Kuhn Braun zum Präsidenten des Stadtrates von Novo Hamburgo jetzt ein Glücksfall, denn als Genealoge und Kommunalpolitiker kann er viel für seine luxemburgischen Landsleute in Rio Grande do Sul tun, und hofft dabei auf die Unterstützung des neuen Botschafters.