SANKT GALLEN/LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Jack Markell, der Gouverneur von Delaware, im Journal-Exklusiv-Interview

Am Rande des Sankt Gallener Symposiums traf das Journal Jack Markell. Der überzeugte Demokrat ist Gouverneur eines Bundesstaates, der weltweit die Listen der beliebtesten Steueroasen anführt und mit diesem Modell als überaus erfolgreich gilt. In Delaware gibt es rund 620.000 Briefkastenfirmen. Viele große Konzerne haben ihren Sitz hier. Aber in den Augen von Markell sind es keineswegs die Briefkastenfirmen, die den Reichtum Delawares ausmachen. Neben niedrigen Steuern läge das auch an der Möglichkeit, anonym ein Unternehmen zu gründen. Von der Journalistengruppe, die Luxleaks öffentlich gemacht hat, hat er noch nie gehört.

Herr Markell, woraus besteht das Geschäftsmodell Delawares?

Jack Markell Wir haben 930.000 Einwohner und viel Landwirtschaft, vor allem Geflügelfarmen. Auch große Konzerne haben ihren Sitz bei uns, beispielsweise DuPont oder W.L. Gore, das sind die Erfinder von Goretex. Auch große Finanzunternehmen wie J.P. Morgan Chase & Co. sind darunter; die haben weltweit 850.000 Mitarbeiter und haben bei uns ihr Back Office. Die Bank of America hat ihren Sitz in Delaware und Capital One, ein Unternehmen mit 7.000 Mitarbeitern, ist auch da, genau wie das Barclays Kreditkartengeschäft. Wir unternehmen viele Anstrengungen, um auch für den IT-Bereich interessant zu sein.

Sie sind vor allem bekannt als Staat der Briefkastenfirmen und als Steueroase.

Markell Delaware wird seit über hundert Jahren von Konzernen als Sitz ausgesucht, wir haben Aktiengesellschaften aus über hundert Ländern. Das liegt an unserem breiten juristischen Angebot. Aber die Unterstellung der Steueroase verstehe ich nicht. Steuern hängen sehr von Bundesgesetzen ab. Bei uns geht es ums Handelsrecht; insbesondere ums Gesellschaftsrecht. Unser Recht ist verständlich und einfach. Wir haben das beste Handelsgericht in den USA. Das beginnt bei der Auswahl der Richter. In Delaware werden die nicht gewählt, sondern durch mich ernannt. Von den fünf Mitgliedern sind maximal drei aus der gleichen Partei. Würden Sie eher Ihren Prozess vor einem Richter führen, der in der Folgewoche eine Scheidung verhandelt - oder vor jemandem, der sich im Handelsrecht auskennt? Unsere Richter sind alle Experten für Handelsrecht. Nevada und andere Staaten haben versucht, unser Modell zu kopieren. Aber je mehr Mitarbeiter unsere Kanzleien einsetzen, desto schwieriger wird das. Unsere Sorge ist, dass Washington versuchen könnte, die Gesetze zu vereinheitlichen.

Ist ihr Modell ein Steuersparmodell - oder nicht?

Markell Unsinn, es geht nicht darum, das ist ein Mythos. Wir haben das beste Unternehmensrecht; schon seit Wilson. Wer Anwalt eines Fortune 500-Unternehmens ist, kommt nach Delaware. Wir haben beispielsweise viele Unternehmen, die in den USA an die Börse gehen. Sie kommen nach Delaware, weil sie wissen, dass sie eine Rechtssicherheit haben. Bei uns müssen die Unternehmen auch zahlen. Das kann bei 180.000 Dollar für einen Börsengang liegen.

Wo sehen Sie die Herausforderungen für den zweitkleinsten Bundesstaat der USA?

Markell Laut Gallup gibt es rund drei Milliarden Arbeitslose weltweit und 1,5 Milliarden Jobs. Meine Aufgabe ist es, alles zu tun, damit Delaware hier punktet. Also mache ich, was ich kann. Deshalb habe ich eine Gruppe Experten in die Schweiz geschickt, damit sie sich über die duale Ausbildung informieren. Wir starten jetzt ein neues Programm, bei dem die High Schools enger mit den Arbeitgebern zusammen arbeiten. Welche Fähigkeiten brauchen wir? Wir haben auch ein Team von Experten nach Finnland geschickt, wegen der Hochschullandschaft.

Es gab in Europa Berichte über Luxleaks und Swissleaks von dem International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ), die rund zwei Autostunden von Ihnen entfernt ihren Sitz haben. Haben Sie davon gehört?

Markell Luxleaks? Swissleaks? ICIJ? Habe ich nie gehört, sorry.

Ist es schwierig für einen kleinen Bundesstaat, sich wirtschaftlich zu behaupten?

Markell Staaten sind die Labore der Demokratie. Ich denke, klein zu sein ist da ein großer Vorteil. Ich habe mit dem Premierminister von Singapur über Erziehung gesprochen, auch mit Norwegen und Finnland sind wir in Kontakt. Als kleiner Staat schauen wir auf die kleinen Staaten. Wir müssen bescheiden sein und den Kunden zuhören, denn der Nachbar kann dich sonst fressen. Wir müssen jeden Tag besser werden. In Europa spricht jeder viele Sprachen. Bei uns haben wir jetzt damit angefangen, ein aggressives Sprachprogramm einzuführen. Für Europäer wäre das nicht viel. Aber in den USA fallen wir damit aus dem Rahmen. Weil es weniger Arbeit gibt, muss man in die Fähigkeiten investieren. Wachstum allein reicht nicht.

www.delaware.gov