NORA SCHLEICH │ LUXEMBURG

Was ist Luxus? Die meisten Menschen beantworten diese Frage aus der selbstreflexiven Perspektive heraus: „Luxus ist für mich...“. Dem einher scheint demnach zu gehen, dass die Auffassung eines Luxusgegenstandes an die subjektive Wahrnehmung des Einzelnen gekoppelt zu sein scheint. Die Phänomenologen schalten sich ein, sind sie doch die Philosophen, die unsere Welt vor allem durch die Beschreibung der Art der Wahrnehmung, wie wir etwas sehen, zu erklären gedenken. Sehen wir etwas, wird es real, und wir können es beschreiben, in der Manier, wie es sich uns darbietet. Diese Einsichten, die auf dem Gebiet der Phänomenologie derart gewonnen werden, werden als besonders skepsisresistent wahrgenommen, da sie sich auf Gegebenheiten richten, die jedes Subjekt kennt, nämlich Erfahrungen alltäglicher Begebenheiten. Wann nehmen wir denn nun etwas als Luxus wahr, wird doch dies nicht von jedem gleich eingeschätzt? Für den einen ist der Lamborghini Luxus, für den anderen vielleicht der Strauß herrlich duftender Rosen auf dem Fensterbrett.

Für Lambert Wiesing, geboren 1963 und momentan in Jena lehrend, entsteht die Luxuserfahrung alsbald, wenn sich das Subjekt mit seinen eigenen Vorstellungen und Erwartungen auseinandersetzt, und zwar insbesondere dann, wenn er sich damit beschäftigt, was für ihn eigentlich vernünftig oder zweckmäßig ist. Luxus an sich gilt nämlich als das, was wir gar nicht brauchen, es ist übertrieben und nicht nötig, oftmals teuer und nicht alltagsnotwendig. Kaufen wir das teure Paar Schuhe, sind wir frech und trotzen unserer eigentlichen Räson, die uns doch ermahnt, das gute Geld nicht für x-Beliebiges aus dem Fenster zu schmeißen. Auch für denjenigen, für den das sonntägliche Ausschlafen und Frühstück im Bett den Luxusmoment darstellt, gilt diese Interpretation Wiesings. Ganz genauso entscheidet sich das Subjekt hier dafür, aus dem Alltäglichen auszutreten, und sich den gemütlichen Morgen zu gönnen, gleich ob noch Hausarbeit oder anderes ansteht. In diesen Erfahrungen verhalten wir uns entgegen dem, was wir als vernünftig anzusehen haben, und spüren so in diesen Momenten unsere eigene Freiheit. Eben darum, weil wir uns selbst frei dafür entscheiden können, etwas Überflüssiges zu kaufen, ohne Regeln und Konventionen Folge leisten zu müssen. Wir wissen, dass es unvernünftig ist, doch es ist uns gerade dann egal.

Es ist diese Wahl des gewollten Zuviels, indem sich unsere Ansichten über das eigentlich Alltägliche und Normale unseres Lebens manifestieren. Demnach sagt die Auffassung des als Luxusgut Betrachteten beachtlich viel über die Person selbst aus. Wir erfahren nicht nur, was die Person als Messlatte des Notwendigen wahrnimmt, sondern auch, dem einhergehend, wann sie etwas als eigentlich überflüssig versteht. So kann es durchaus sein, dass für den einen der alljährliche Urlaub die Norm darstellt, die zum Erholen und Ausspannen vom Arbeitsalltag notwendig ist. Skiurlaub als Luxus? Mitnichten, es gehört ganz einfach dazu. Dass dieser Ansicht mit Sicherheit einige Menschen widersprechen werden, liegt auf der Hand. Darum geht es auch nicht um den Gegenstand an sich, der als luxuriös wahrgenommen wird, sondern viel eher um das Erlebnis und die Erfahrung selbst.

Die Luxuserfahrung, ganz gleich ob es nun die Vuittons sind oder das Ausspannen bei einer guten Tasse Tee, gilt demnach für uns als Moment der freien Entscheidung, uns aus dem Druck des Alltäglichen und Vernünftigen auszuklinken. Wir erfahren uns als selbstständig entscheidende, den Regeln entsagende Menschen, und können uns demnach der autonomen Person in uns bewusster werden. In der Theorie bietet sich dieser Brückenschlag durchaus an, denke ich jedoch an all die Superreichen, die mit ihren lebensnotwendigen Yachten und Pelzjacken daherkommen, stellt sich die Nähe zwischen Luxus und Selbsterkenntnis jedoch wieder in Frage. Werden diese Menschen die Luxuserfahrung als bewusstes Zuviel wahrnehmen, oder sehen sie in ihr eher eine unbedingte Norm ihres Lebensstandards? Entscheiden wir uns hingegen bewusst ab und an für Luxus, und kosten wir diese Erfahrung auch gebührend aus, scheint es mir, als sei Wiesings Deutung zuzusprechen, dass wir uns unserer selbst, als frei entscheidende, eine Auszeit nehmende Personen, wahrnehmen können.

 „Luxus“ von Lambert Wiesing erschien 2015 im Suhrkamp Verlag