LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Nach über fünf Jahren: „D‘fair Mëllech“ setzt fast 1,5 Millionen Kilogramm Milchprodukte ab

Aus Aktionen, die aus der Not heraus geboren wurden, können sich schöne Erfolgsgeschichte entwickeln. Ein wunderbares Beispiel dafür gibt die „Fäir Mëllech“ der „Fairkoperativ Lëtzebuerg.“ Den unschönen Anlass gab eine anhaltende Fehlentwicklung auf dem europäischen Agrarmarkt.

Seit Jahren sind die Milchbauern, immerhin eine Million Betriebe in ganz Europa, einem stark schwankenden Markt ausgeliefert. Nach dem Wegfall der Milchquoten 2015 hat sich die Produktion nicht wie erwartet dem Markt angepasst. Entgegen der Erwartungen der EU-Kommission ist die produzierte Milchmenge nicht um nur 1,5 Prozent, sondern um sechs Prozent (2015/2016) gestiegen. Die Folge der Überproduktion sind geringe Erzeugerpreise und volle EU-Lager mit Milchpulver.

Aus Verärgerung darüber, dass die Milchbauern von der europäischen Politik auf eine anhaltende Achterbahnfahrt geschickt wurden, hatten sich schon vor der Quotenfreigabe unabhängige Milchbauernverbände gegründet - hierzulande das Luxembourg Diary Board - und im „European Milk Board“ organisiert.

In der Zwischenzeit hat sich kaum etwas dauerhaft verbessert. Laut den aktuellen Zahlen der Generaldirektion Agrar der EU-Kommission lag der durchschnittliche Erzeugerpreis für Rohmilch zum Jahreswechsel bei 33,1 Cent pro Kilo Milch. Immerhin mehr als 20 Cent/kg die zeitweise im letzten Jahr gezahlt wurden. Die Milchviehbetriebe sind das schwächste Glied in der Wertschöpfungskette für Milch - der Druck des Handels ist beträchtlich.

Ergänzend zu den politischen Aktionen des „European Milk Board“ haben sich in sechs Ländern, darunter Luxemburg, Kooperativen für „faire Milch“ gegründet. Neben Luxemburg produzieren Landwirte auch in Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien und Österreich faire Milch. Fair soll diese Milch nicht nur dem Bauern, sondern auch dem Milchvieh und den Verbrauchern gegenüber sein.

Eine große Überraschung

Die „Fairkoperativ Lëtzebuerg“ hat diesen Weg 2011 eingeschlagen. Die Genossenschaft hat vor fünfeinhalb Jahren zunächst damit begonnen Vollmilch unter dem Label „D’fair Mëllech“ zu vermarkten. Die Mitglieder der Fairkoperativ Lëtzebuerg erhalten für ihre faire Milch zunächst keine direkten Zuzahlungen. Von jedem verkauften Liter Milch fließen in der Regel zehn Cent in einen gemeinsamen Topf, der zum Ende des Jahres zur Ausschüttung an die Mitglieder kommt. Zuletzt waren es aufgrund des niedrigen Milchpreises zwölf Cent.

Im ersten Jahr setzte die Kooperative, der heute 47 Betriebe angehören, 300.000 Kilogramm „Fair Mëllech“ ab. 2016 lag man mit einer diversifizierten Produktpalette schon knapp unter 1,5 Millionen Kilogramm. Von 2015 auf 2016 stieg der Absatz um 32 Prozent. Für Präsident Fredy de Martines war der Erfolg seiner Kooperative „Eine große Überraschung“. Die „d’fair Mëllech“-Produkte sind mittlerweile im gesamten Luxemburger Handel erhältlich.

Ein Beispiel für das verbreiterte Angebot ist „Schokomilch“ unter dem „D’Fair Mëllech“-Label. In der Privatmolkerei Thiry werden für die Halbliterpackung nur Weidemilch, Fairtrade-Schokolade und Fairtrade-Rohrzucker zur Herstellung der Schoko-Mëllech verwendet.

Die Zusammenarbeit mit „Fairtrade Lëtzebuerg“ ist für die „Fairkooperativ Lëtzebuerg“ Programm, genauso wie die Zusammenarbeit mit Milchbauernkooperativen in Westafrika, die unter den Milchpulverexporten der EU leiden.

ZUR LAGE DES MILCHMARKTES

„Auf dem Pulverfass“

Fredy de Martines, Präsident der „Fairkoperativ Lëtzebuerg“ meinte in einem Telefongespräch mit dem „Journal“, dass die Milchbauernverbände die EU-Kommission dazu drängen, die Überproduktion zu stoppen. Nach dem Wegfall der Quote hätten quasi alle gegen den Markt gearbeitet. Mit klaren Folgen: Hohe Produktion und niedrige Erzeugerpreise. Die EU versucht durch Intervention - also durch Aufkaufen von Milchpulver - die Preise zu stabilisieren. Aber die erste Euphorie sei schon wieder verflogen. Im Moment werde auch weniger gemolken und der Markt dadurch etwas entlastet. Mit dem Frühjahr und dem dann zur Verfügung stehenden besseren Futter werde die Produktion wieder steigen, so Martines. Sein Fazit lautet: „Der Milch-Markt ist übersättigt, die Lager sind voll und alle sitzen auf einem Pulverfass. Die EU muss etwas tun!“