LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Interview mit WikiLeaks-Sprecher Kristinn Hrafnsson

Kristinn Hrafnsson ist ein isländischer Journalist und derzeitiger Sprecher von WikiLeaks. Er begann während der Recherchen zum „Collateral Murder“-Video für die Enthüllungsplattform zu arbeiten. Seit Julien Assange in London in der ecuadorianischen Botschaft festsitzt, ist er Sprecher der Whistleblower-Seite. Dem „Journal“ erklärt der 54-Jährige, wie WikiLeaks funktioniert und was es bringt.

Wer nutzt WikiLeaks heutzutage?

Kristinn Hrafnsson Viele Leute nutzen WikiLeaks als eine der wichtigsten Databasen mit Millionen von Dokumenten, die benutzt werden können. Journalisten, Aktivisten oder einfach interessierte Bürger schauen bei uns nach.

Sie haben sehr viele Dokumente auf Ihrem Server. Welcher Journalist hat die Zeit, sie alle zu durchwühlen?

Hrafnsson Es gehört natürlich dazu, dass wir uns nicht alle Dokumente einzeln anschauen, weil wir Millionen von Daten online stellen. Aber das Publikum kann unsere sehr gute Suchmaschine nutzen. Davon machen immer mehr Leute Gebrauch. Viele Journalisten verweisen auch auf uns. Aber diese Dokumente werden auch in Prozessen genutzt, beispielsweise vom Europäischen Gerichtshof für Menschrechte.

Wie stellen Sie sicher, dass es keine gefälschten Dokumente gibt?

Hrafnsson Wir nutzen verschiedene Methoden der Verifizierung. Das gehört zu normalen Journalismus-Methoden und unserer Erfahrung. Da haben wir schon ziemlich viel. Hundert Prozent kann man nie sicher sein. Unsere Feinde versuchen, falsches Material zu infiltrieren. Das haben wir schon bei Unterlagen von US-Behörden und privaten Unternehmen gesehen. Aber es ist immer aufgeflogen und bislang gab es keine einzige falsche Angabe auf unserer Seite.

Wie finanziert sich WikiLeaks?

Hrafnsson Wir finanzieren uns fast ausschließlich über Spenden von Privatleuten. Wir erfahren eine große Unterstützung, obwohl es drei Jahre lang eine Blockade gegen WikiLeaks gab. Wir hängen von den Spenden ab. Ein kleiner Teil an Einnahmen kommt durch den Verkauf von T-Shirts und ähnlicher Artikel aus unserem Shop. Wir sichern unsere Unabhängigkeit, in dem wir nur Spenden von Privatleuten annehmen. Darüber hinaus sind wir sehr unabhängig in unserer Herangehensweise und unserer Arbeit.

Wie schützen Sie Whistleblower?

Hrafnsson Wir stellen eine „dropbox“ zur Verfügung. So können wir selbst nicht wissen, woher die Daten kommen. Das ist sicher und total anonym. Bislang hat keiner, der uns Informationen gegeben hat, durch unsere Aktionen ein Problem damit gehabt. Für uns ist das sehr wichtig. Die beste Sicherheit ist die totale Anonymität. Wenn wir die Quelle nicht kennen, können es die anderen nicht wissen. Natürlich gibt es den bekannten Fall von Chelsea Manning, wenn Sie darauf anspielen. Sie hat laut Prozess einem Freund alles erzählt und dieser so genannte Freund hat sie verraten. Das hat aber nichts mit uns zu tun. Die Leute müssen sich selbst schützen, auch vor falschen Freunden.

Was hat WikiLeaks bislang erreicht?

Hrafnsson Ich glaube, wir haben einen totalen Wandel bei Leuten mit einem Wunsch nach Gerechtigkeit bewirkt, vor allem, wenn es um Konzerne und Politik geht. Wir haben auch jenen Hoffnung gegeben, die denken, man muss den Leuten Informationen und Macht geben. Wir sind auch eine Macht gegen Unterdrücker-Regimes. 2011 beispielsweise hat Indonesien eine Situation erlebt, in der unsere Dokumente die Regierung bloß gestellt und zu ihrem Wechsel geführt haben. Diese Entwicklung ist unserer Meinung nach noch lange nicht an ihrem Ende angelangt. Es gibt ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass viele Leute im Dunkeln stehen, und dass man für ihre Rechte – aber auch für die eigenen - kämpfen muss.

In wieweit ist Julian Assange noch in WikiLeaks eingebunden?

Hrafnsson Er ist sehr involviert. Julian führt die Organisation. Er ist der wichtigste Veröffentlicher. Natürlich wird er stark kontrolliert und ist nicht vor Ort. Aber wir hoffen, dass diese lächerliche Situation ein Ende findet.

Werden Sie immer noch angegriffen und überwacht?

Hrafnsson Wir werden regelmäßig angegriffen, vor allem in den letzten fünf Jahren. Wir wissen, dass das US- Justice Department uns an den Kragen will und uns mit Prozessen und Strafen in Dekadenlänge droht. Wir haben auch Anzeichen, dass private Einheiten uns angreifen. Ich habe ja bereits erzählt, dass ein privates US-Technologie-Unternehmen uns Daten gegeben hat, um uns anzugreifen.

Werden Ihre Methoden von anderen Initiativen missbraucht?

Hrafnsson Ich kann nur allgemein sagen, es gibt immer Leute, die regelmäßig mit uns in Kontakt sind und die leaken wollen. Wenn es sich nicht um echte Informanten handelt, merken wir das meist. Wir haben auch Situationen, wo ähnliche Dienste wie WikiLeaks geschaffen werden sollten, die nicht glaubwürdig waren. Meist zeigen andere dann die Fehler auf. Ich würde das nicht Missbrauch nennen. Sie machen es einfach nicht gut genug.

Sie haben Informationen über die NSA veröffentlicht, die nahezu alle Regierungen in Europa ausspioniert – aber nichts passiert. Gibt es einen Überfluss an geleakten Informationen?

Hrafnsson Sie sagen, dass nichts passiert – aber ich sehe das etwas anders. In Europa sehen wir in den vergangenen Wochen beispielsweise in Frankreich oder Deutschland keine besonderen Veränderungen bei den Regierungen. Aber die Menschen, die Bürger verlangen von ihren Regierungen Aktionen. In Frankreich und Deutschland, wo höchste Ämter ausspioniert wurden, lässt sich so etwas nicht erklären. Wir stellen fest, dass viele dieser Spionage-Aktivitäten nichts mit nationaler Sicherheit zu tun haben, sondern nur mit Industriespionage zwischen Ländern, die eigentlich befreundet seien sollten.

Wie sind Sie selbst zu WikiLeaks gekommen?

Hrafnsson 2010 arbeitete ich als Journalist in Island und freundete mich mit Julien Assange an. WikiLeaks hatte ein wichtiges Dokument zur Bankenkrise und zur Kauphting Bank. Als er Infos zum Irakkrieg erhielt, bot ich ihm meine Hilfe bei dem Video an – und zwei Wochen später war ich Vollzeit dabei. Das habe ich keine Minute bereut.

Warum machen Sie immer noch mit?

Hrafnsson Ich hoffe, dass das Bewusstsein steigt. Ich hoffe, dass die Beziehungen zwischen Gewählten und Wählern sich verändern und dass der 9/11-Schatten und diese Tendenz zur Geheimhaltung und aufhören; dass die allgemeine Verdächtigung endet. Ich denke, jeder Journalist wünscht sich Gerechtigkeit. Ich hoffe auf einen Machtausgleich zwischen Wählern und Eliten. Geheimnisse aufzeigen ist ein Weg dahin.

Ist investigativer Journalismus immer noch möglich?

Hrafnsson Ja, das wird auch von ziemlich vielen Leuten praktiziert. Es ist nicht mehr so lebhaft wie früher wegen der Mainstreammedien und der Finanzmedien. Wir sehen aber auch andere, die tolle Arbeit leisten. Wir haben eine Periode der Medien der alten Schule, die sich zur digitalen Welt hin bewegt. WikiLeaks liefert dabei einen ziemlich guten Service.

Google hat 43.000 Ihrer privaten Mails an das FBI weitergegeben. Haben Sie noch ein Privatleben?

Hrafnsson Ja, wenn es um die Arbeit geht, nehmen wir verschlüsselte Kanäle. Ich denke, das ist sicher. Wenn ich Google sehe und was sie gemacht haben, ist das besorgniserregend. Aber jetzt wird fast der ganze Planet angegriffen, wenn es um das Thema Privatheit geht. Wir hoffen auf eine stärkere Verfolgung der US-Verantwortlichen.

Welche Staaten und Medien respektieren Sie heute noch?

Hrafnsson Ich war lange ein investigativer Journalist; mehr als 35 Jahre. Bei Regierungen und Staaten bin ich sehr kritisch. Früher habe ich einige der am meisten respektierten Medien gut gefunden, aber nach meiner Arbeit mit ihnen verloren sie viel von ihrem Glamour. Andererseits gibt es viele Journalisten in diesen und anderen Organisationen, die gute Arbeit leisten. Wir arbeiten mit mehr als 100 Journalisten und Organisationen zusammen, wir schätzen sie und vertrauen ihnen. Aber das hat mehr mit Individuen zu tun, als mit Medien an sich.