NIC. DICKEN

Es gibt sie in den verschiedensten Varianten, Zusammenhängen und Konstellationen. Machtspiele sind so alt wie die Menschheit selbst, und auch in der Tierwelt gibt es sie, selbst wenn sie sich dort zumeist auf die Frage beschränken: Fressen oder gefressen werden? Aber gilt dies nicht auch, wenn auch vornehmlich im sprichwörtlichen Sinn, für die Spezies Mensch, die es sehr wohl und sehr oft in ihrer Geschichte verstanden hat, aus dem Spiel auf nur zu blutige Art und Weise Ernst werden zu lassen?

Auch wenn sich Machtspiele heute nicht mehr auf die Beziehung zwischen Herrscher und Untertan, sondern vornehmlich in der Berufs- und Arbeitswelt auf das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer begrenzen lassen, so gibt es daneben doch eine ganze Vielfalt von Erscheinungsformen, die vom überreizten Spaß bis hin zur existenziellen Bedrohung reichen.

Gerade die letzten Wochen haben uns eine Reihe von Beispielen beschert, die eigentlich durchaus ernst zu nehmen sind, gleichzeitig an Lächerlichkeit aber kaum noch zu überbieten scheinen. Die von RTL heraufbeschworene Lunghi/Schram- - oder Schram/Lunghi-? - Affäre hat sich mittlerweile zu einem handfesten Skandal ausgewachsen, bei dem nicht nur Standesdünkel einerseits und journalistisches Pflichtbewusstsein andererseits, sondern vor allem berechtigte Fragen nach der Rolle und dem Selbstverständnis der Presse im Mittelpunkt der Debatte stehen.

Wo allem Anschein nach einige persönliche Abrechnungen auf der Agenda standen, die über den Weg der öffentlichen Denunziation ausgetragen werden sollten, steht mittlerweile die Reputation und möglicherweise der künftige Werdegang einer bislang kaum anfechtbaren Senderkette auf dem Spiel. Schönes Spiel! Die vermeintliche „Macht der Presse“, die es nur im Zusammenhang mit absoluter Glaubwürdigkeit und Objektivität geben kann, steht urplötzlich auf der Waagschale, Leute, die sich nur allzu gern als Richter aufspielen wollten, werden plötzlich zu Angeklagten, vorgebliche Seriosität verkommt zum schlichten Täuschungsmanöver.

Ein anderes, in diesem Fall deutlich ernsteres weil weiterreichendes, Beispiel liefert uns die internationale Auseinandersetzung zwischen EU und Türkei. Der über einen längeren Zeitraum augenscheinlich hofierte, dann mit seinem Beitrittsanspruch aber doch immer wieder zurückgewiesene Premierminister und spätere Präsident Erdogan hatte sich vor Jahresfrist vor den Karren einer mit der Flüchtlingsproblematik völlig überforderten EU spannen und, keineswegs desinteressiert, völlig voreilig als unverzichtbarer Partner feiern lassen. Offenbar wusste Erdogan bereits zu jenem Zeitpunkt besser als die Zahlmeister der EU, dass diese mit der internationalen Aufwertung des - auch damals schon - autokratischen Staatschefs die eigene Position im Einsatz für die Menschenrechte stark beeinträchtigen würden.

Die EU-Nomenklatura versucht Erdogan mit der Einstellung von Beitrittsgesprächen zu drohen. Aber was kratzt den Pascha aus Ankara schon ein Mehrheitsentscheid des europäischen Parlamentes?