LUXEMBURG
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Anthony Minghellas Met-Produktion live in HD im Kino

Die Geschichte der unglücklichen Geisha und ihres Freitods hat alle rassischen Stereotypen transzendiert; auch das anti-imperialistische Sentiment konnte „Madama Butterfly“ nicht an ihrem Siegeszug hindern und die Oper hat sich seit ihrer Premiere - zunächst an der Scala, dann in Brescia - als Publikumsliebling etabliert.

An der New Yorker Met feiert sie nun einen zweifelhaften Erfolg, den Anthony Minghella und seine Produktion massiv beeinträchtigen. Generaldirektor Gelb hatte den britischen Regisseur engagiert, um die Kunstform der Oper zu entmarginalisieren und seine demokratischere Firmenpolitik mit einer konzeptuellen Anschauung zu paaren, die dem 21. Jahrhundert entspricht… Allerdings ist Minghellas „Butterfly“ weder schön noch avantgardistisch und bewegt sich in einem ästhetischen Niemandsland, das sogar das kulturelle Vorurteil nicht scheut.

Hollywood und Fernost

Der prämierte Minghella feierte sein operatisches Debüt im Jahr 2005 und seine „Madama Butterfly“ trägt eine cineastische Signatur, die sich vor allem in den großen „tableaux vivants“ des ersten Aktes zeigt. So regnen im Liebesduett die Kirschblüten herab und gewaltige Lampions rahmen die Sänger. Minghella spricht ein exotisches Vokabular, das auf ein klassisches Bühnendekor verzichtet, um - so scheint es - Klischees zu inszenieren. Das Stereotyp wird ihm zum ästhetischen Versatzstuck. Diese Gleichung ist gefährlich und geht besonders in den folgenden Akten nicht auf.

Am Problematischsten erweist sich der Gebrauch einer Bunraku-Puppe, die den Sohn der verlassenen Cio-Cio-San darstellt. Das japanische Figurentheater wird einem paternalistischen Blick unterworfen, der zunächst in den choreografierten Einlagen stört: Minghella beschwört eine sehr grobschlächtige Zeichnung, die die Titelheldin mit der Bunraku-Figur identifiziert. Dass er diese als amerikanischen Matrosen ausstaffiert, überschreitet dann die Grenzen des guten Geschmacks. Was bleibt, ist eine uninspirierte und wenig kohärente Vision, die auch der Musik keinen Dienst leistet.

Hui He als Titelheldin

Die Titelheldin wird von der chinesischen Sängerin Hui He gesungen, die in eklektischem Repertoire beheimatet ist. So debütierte sie unter anderem in der Rolle der Turandot und wiederholte ihr Porträt der Aida in der diesjährigen Festspielsaison. Diese Exkurse ins (hoch-)dramatische Fach haben leider ihre Spuren hinterlassen und die Sopranistin besitzt nicht mehr die „sprezzatura“ oder Leichtigkeit, die der Figurenpsychologie angemessen scheint. Ihre Butterfly weiß nichts von der jugendlichen Reverie, die schon in der Eingangsarie zur Debatte steht und das klimaktische B gerät ungewohnt scharf.

Ihr Forte bleibt das Mittelregister und Hui He kann die Erfahrung ihrer gewichtigeren Partien nutzen, um die Kammerspiel-ähnlichen Dialoge des zweiten Aktes zu schattieren. In den rezitativischen Passagen skizziert sie somit ein schärferes Profil als in den Arien, was der dramatischen Kohäsion zuweilen schadet.

Der Anti-Held: Marineoffizier Pinkerton

Die fragwürdige Rolle des Pinkerton übernimmt Andrea Carè. Dem italienischen Tenor gelingt eine routinierte Interpretation, die sich des romantischen Schöngesangs bedient und wenig Interesse an einer charakterlichen Durchdringung zeigt. Er bewegt sich damit im Rahmen einer traditionellen Aufführungspraxis, die den Marineoffizier nur schemenhaft skizziert; er bleibt ein Opportunist, dessen Amoralität die größten Opfer fordert.

Carè singt eine lautstarke Partie und kultiviert dabei einen recht unangenehmen Manierismus, den er aus der Spätphase seines Lehrers - Luciano Pavarotti - übernommen hat. So schließt er seine Phrasen mit einer expressiven Vokalöffnung, die aus gesangsästhetischer Perspektive kaum nachvollziehbar ist.

Die Nebenpartien sind hochwertig besetzt; der Brasilianer Paulo Szot singt einen empathischen Sharpless und verdient auch schauspielerisches Lob - umso mehr, als Minghellas Inszenierung die Akteure physisch und musikalisch hemmt.


Als Teil des Programms „The Met - Live in HD“

wird die Oper am 9. November im Kinepolis Kirchberg,

Belval und Ciné Utopia ausgestrahlt