Immer mehr Menschen verfügen über hellseherische Fähigkeiten. Ob sie dazu einen Blick in die Kristallkugel werfen oder im Kaffeesatz lesen, entzieht sich unserer Kenntnis, jedenfalls wissen sie, ohne dass sie eigentlich wissen dürften. Als Kritik auf Basis von Vorurteilen könnte man eine derart übersinnliche Begabung aber auch bezeichnen. Ein momentan sehr begehrter Zankapfel ist der allgemeine Werteunterricht, pardon, das Fach „Leben und Gesellschaft“. Die Maden dürften sich mittlerweile bereits einmal quer durch diesen Zankapfel gefressen haben, doch auch sie vermochten es bislang nicht, detaillierte Informationen über sein Innenleben zu liefern. Ob es im Kern tatsächlich faul ist oder nicht, darüber lässt sich nur spekulieren. Doch genug der metaphorischen Ausschweifungen, zurück zu den Tatsachen. Genau das ist das Stichwort in der zunehmend polemischen Diskussion: Tatsachen. Sind wirklich bereits genug Details bekannt, um sich ein Urteil über das neue einheitliche Fach zu bilden? Das Rahmendokument liegt vor, stimmt, was genau es uns sagen will oder wie der Werteunterricht denn nun aussehen wird, bleibt aber nach wie vor Interpretationssache.

Kritiker stoßen sich besonders an einem Begriff, der in der Tat relativ häufig Anwendung findet: Religionen beziehungsweise religiös. Laizistischen Vereinigungen missfällt das natürlich. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Allgemeines Entsetzen über den Inhalt des Dokuments. Das Bistum reagierte erstaunlich positiv und zeigte sich in seiner Stellungnahme zuversichtlich, begrüßte sogar „den schülerzentrierten und lebensweltlichen Ansatz des künftigen Faches“. Das ist verdächtig, sehr verdächtig. Ist die katholische Kirche nämlich mit etwas einverstanden, kann das nur bedeuten, dass ihrer Glaubenslehre immer noch genug Stellenwert eingeräumt wird. Auch dafür gibt es indes keinen stichhaltigen Beweis. Wer so denkt, wurde bereits vom Spekulationsstrudel verschluckt. Wieder ausgespuckt wurde derweil „Fir de Choix“, die Initiative, die sich seit Diskussionsbeginn für das Beibehalten der Wahlmöglichkeit zwischen Religions- und Moralunterricht einsetzt. Dass dies keine wirkliche Wahl ist, haben sie allerdings noch immer nicht verstanden. Klammer zu.

„Fir de Choix“ hat sich also erneut zu Wort gemeldet und die Ausarbeitung des Einheitsfachs als ideologischen Kampf entlarvt. Jeder versuche, sein Steckenpferd darin unterzubringen, hat die Initiatorin Marcia Dechmann gestern auch noch einmal bei den Kollegen von RTL unterstrichen. Einen Konsens könne es nicht geben, prophezeit sie, da nämlich die einen der Ansicht seien, es stecke zu viel Religion in dem neuen Kurs, derweil die anderen beklagen, religiöse Fragen kämen zu kurz. Die „Fir de Choix“-Verfechter sehen sich also bestätigt: Der wahre Kompromiss kann nur in der Wahlfreiheit liegen. Sagen sie, nicht wir. Manch einer von uns ist nämlich der Ansicht, dass man der Arbeitsgruppe erst einmal die Chance geben sollte, ein tatsächliches Programm auszuarbeiten, folglich einen genauen Lehrplan aufzustellen. Sollte es sich dann als notwendig erweisen, könnte man den Zankapfel zum gegebenen Zeitpunkt noch einmal hervorholen. Falls der fortschreitende Fäulnisprozess dann noch etwas davon übrig gelassen haben sollte.