LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Venezuela will mit der Kryptowährung „Petro“ die Wirtschaftskrise beenden

Ein dramatischer Rückgang der Ölproduktion im krisengeschüttelten Venezuela könnte den globalen Rohölmarkt in ein Defizit bringen, sagte gestern die Internationale Energieagentur (IEA). Während das Land über die weltweit größten nachgewiesenen Ölreserven verfügt, ist die Rohölproduktion dort in den letzten Jahren stetig zurückgegangen. Steigende Weltmarktpreise sind wahrscheinlich. In Venezuela selbst grassieren derweil Geldentwertung und Versorgungsengpässe.

Die „Asamblea Nacional“ des südamerikanischen Landes führte unlängst den Petro ein, eine eigene Kryptowährung, mit der Venezuela endlich wieder finanziell auf die Beinen kommen soll. Sehr fortschrittlich, denken manche vielleicht. Das hätte man Staatschef Maduro gar nicht zugetraut!

Der anfängliche Schein trügt, weiß Alejandro Machado (28) aus Venezuela zu berichten. Der Informatiker ist primär in der Kryptoszene tätig und beschäftigt sich unter anderem mit „Cyber Security“ und „Smart Contracts“. Er observiert Maduros Märchen um die Einführung des Petro seit der ersten Stunde und weist auf die kritischen Punkte hin, die im anfänglichen Hype bezüglich der „Initial Coin Offering“ (ICO) des Petro nicht genügend Beachtung finden - und es sind deren etliche.

Normalerweise muss vor einer ICO der Kryptowährung, das sogenannte „White-Paper“ so detailliert wie möglich auf technische Anforderungen und Bedingungen sowie das tragende „Blockchain“-System hinweisen, welche die Funktionsfähigkeit und Zuverlässigkeit der digitalen Währung garantieren sollen.

Zweifel am Krypto-Petro

„Das Petro-‚White Paper‘ ist ein einziges Chaos“, sagt Machado. „In letzter Minute wurde vom Ethereum-Blockchain-System zum NEM-System gewechselt. Dabei wussten die Offiziellen von NEM noch nicht einmal etwas davon. Mittlerweile heißt es, dass man mit ‚Aerotrading‘ kooperieren würde, eine der anscheinend weltweit größten Blockchain-Firmen. Von denen hat man aber zuvor noch nie etwas gehört!“ Der technische Aspekt der ICO ist demnach noch gar nicht garantiert. Zweifel gibt es aber auch noch an weiteren Äußerungen der „Asamblea Nacional“, der seit 2017 verfassungswidrig eingeführten und international nicht anerkannten Versammlung um Maduro. So wird behauptet, dass man bereits gut 735 Millionen Dollar mit der Ankündigung der Kryptowährung an Kapital sammeln konnte. Dies kann aber weder nachverfolgt noch kontrolliert werden. Nirgends wurde etwas offiziell festgehalten. „Bis heute kann man noch nicht einmal einen einzigen Token kaufen! Es gibt keine Handelsplattform, keine Wallet, nichts!“, erklärt Machado. „Warum Maduros Team mit derart horrenden Geschichten um sich wirft?“, fragt der Informatiker. „Es ist ein verzweifelter Versuch, die Finanzen des Landes wieder bessern zu können, und sich vor allem selbst genug zu sichern. Es geht Maduro vor allem darum, mit dem Petro einen positiven Eindruck zu hinterlassen und Investoren anzuziehen. Aber von außerhalb wird kaum jemand in einen einzigen Coin investieren wollen, warum auch? Er ist total wertlos!“, gibt Machado zu bedenken. Auch diesbezüglich sind die Erklärungen im „White Paper“ mehr als konfus. Zum einen, weil der Preis des Petro vom geläufigen Barrel-Öl-Preis gedeckt sein soll. Demnach wird erwartet, dass der Petro für rund 60 Dollar über den Ladentisch gehen soll. Allerdings ist das venezolanische Öl wegen seiner schlechten Qualität und der dementsprechend aufwendigen Aufbereitung überhaupt nicht einmal soviel wert. Zudem verspricht Maduro, dass es Sonderangebote für die Petrokäufer geben wird. Er selbst legt fest, wer den Petro zu welchem Preis haben kann. Von Transparenz und Korruptionsbekämpfung, den zentralen Pfeilern Blockchain gedeckter Kryptowährungen, fehlt hier jede Spur. „Im ‚White Paper‘ steht zudem, dass man den Petro nur gegen Bolívares eintauschen kann, die hyperinflationierte Währung, die nur innerhalb Venezuelas gilt! Was will man also außerhalb damit?“, wirft Machado ein. Der Informatiker selbst ist zurzeit nicht mehr in Venezuela. Zu groß ist ihm zufolge das Risiko, wegen der Kritik an Maduros Regime festgenommen zu werden. Darum bloggt er aus dem Ausland und analysiert das Geschehen in seinem Heimatland: „Ich bin mir sicher, dass mit dem Petro nicht ansatzweise so viel Geld gemacht werden kann, wie das bislang behauptet wird. Wir müssen wachsam sein und Nachforschungen anstellen, während wir auf den Kollaps warten“.