In den letzten Wochen machen wieder massive Menschenrechtsverletzungen internationale Schlagzeilen. Neben ausführlichen Berichten über Konzentrationslager in Nordkorea erregte auch die Entführung von über 200 Schülerinnen in Nigeria internationales Aufsehen. Letztere, die ein Verbrechen gegenüber 12- bis 17jährigen dokumentiert, zeigt, mit welcher Brutalität die Emanzipation der Frauen in Nigeria unterdrückt wird. Die islamistische Sekte Boko Haram bestrafte die Mädchen nämlich dafür, dass sie zur Schule gingen. Lautstark wurde der ganzen Welt mitgeteilt, dass Mädchen keine Schule brauchen, sondern heiraten sollen. Auch wurde vor der gesamten Weltöffentlichkeit damit gedroht, die Mädchen zu verkaufen und zu versklaven.

Die Suche der nigerianischen Regierung und der Armee war bisher erfolglos, und es wird vermutet, dass es zwischen der Armee und der Sekte eine Komplizenschaft geben kann. Darüber hinaus ist in der Vorstellung der radikalislamistischen Gruppe ein Mädchen, das in die Hände eines Feindes gerät, sexuelles Freiwild. Mittlerweile haben die Familien mobilisiert, Protestmärsche haben begonnen und mehrere Länder haben Hilfe bei der Suche der Opfer angeboten.

Dies ist ein Fortschritt. Noch vor 20 Jahren, als 800.000 Tutsi in Rwanda grausam ermordet wurden, oder vor 15 Jahren, als die Taliban in Afghanistan einen Feminizid organisierten, bot niemand internationale Hilfe an. Auch wenn diese drei Episoden nicht absolut zu vergleichen sind, da es sich bei den beiden ersten Beispielen um eine Einmischung in interne politische Angelegenheiten gehandelt hätte, (zumindest nach UN- Standards betrachtet) es aber im Falle der nigerianischen Mädchen um die Hilfe bei einem Verbrechen geht, ist die weltweite Reaktion auf die Entführung doch ein Hoffnungsschimmer, dass mit Frauen und Mädchen nicht mehr einfach alles passieren kann, ohne dass eine internationale Protestwelle beginnt. Die Drohung, die Mädchen zu versklaven, ist eine implizite Bestätigung der Sklaverei in der modernen Welt und in Afrika.

Noch immer gibt es Sklavenmärkte, noch immer gibt es Menschen oder Familien, die entführte Mädchen kaufen. Auch wenn in vielen Ländern der Welt ein emanzipierter Status der Frauen noch auf sich warten lässt, auch wenn ein solch brutaler Anschlag auf die Frauenbildung noch immer möglich ist, ist die Welt nicht mehr gleichgültig.

Aber es bleibt beängstigend, dass brutale Frauenfeindlichkeit in Afrika, und auch anderswo, noch immer einen solchen Nährboden findet. Denn dort, wo extremistische Haltungen und Aktionen möglich sind, gibt es auch immer eine Rückendeckung, oder eine Komplizenschaft in Teilen der lokalen Bevölkerung.

Das Schicksal der nigerianischen Mädchen sollte Gedanken darüber anregen, dass in bürgerkriegsgeschüttelten Regionen Afrikas die Entführung von Jugendlichen, sowie ihre Versklavung für Geld oder in Armeen Teil der Kriegsführung ist. Die Brutalisierung und Ausbeutung Jugendlicher bleibt ein Thema, das noch weitgehend tabuisiert ist, weil in vielen Ländern Afrikas und des Orients Mädchen bereits in der Pubertät verheiratet werden und als Erwachsene gelten.