COLETTE MART

Unser Land bereitet sich auf die Erinnerungsfeierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren vor, die Medien blicken zurück, Zeitzeugen werden interviewt und das Kriegsende 1945 im Hinblick auf die Entwicklungen Europas nach dem Konflikt analysiert. Es lohnt sich demgemäß, darüber nachzudenken, inwiefern dieser Krieg im aktuellen Leben in Luxemburg noch nachklingt, inwiefern er verarbeitet wurde, welche Fragen er noch heute aufwirft und was er immer noch in uns berührt. Alle Familien in Luxemburg haben eine Kriegsvergangenheit, unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern haben in diesem Krieg alle eine Rolle gespielt: Sie waren an der Kriegsfront, sie haben Kriegsgefangenen oder Verfolgten geholfen oder auch nicht, sie waren im Widerstand oder in der Kollaboration, oder aber sie haben sich ruhig verhalten und versucht, den Krieg zu überleben, ohne besonders aufzufallen.

Wirklich neutral konnte allerdings niemand sein, und die Spuren, die das Verhalten von Familienmitgliedern in uns allen hinterlassen hat, schüren bis heute Stolz oder Scham, und verleiten nicht nur zu einer historischen, sondern zu einer ganz persönlichen Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit.

Vielleicht offenbaren ja die Menschen in extremen Situationen wie Krieg oder Diktatur, wer sie wirklich sind. Wer unter der Naziherrschaft Verfolgten half oder sie verriet, wer einen Gedanken für verschwundene Juden hatte oder eben nicht, wer Naziopfer war oder mit den Tätern kollaborierte, sagt etwas über die Werte, die Zivilcourage, die Erziehung und die politischen Einstellungen in den Familien aus. In allen aktuellen Medienberichten über den Krieg erschüttert bis heute die Neigung zum Opportunismus, der die Gesellschaft immer prägt, und der um das verheerende und zugleich glückliche Jahr 1945 dazu führte, dass viele von denen, die während des Krieges an den Hebeln der Gesellschaft saßen, diese Positionen auch nach dem Krieg wieder besetzten.

Dies gilt vor allem für Deutschland, wo viele Opportunisten ungestraft davon kamen, und nach dem Krieg wieder führende Positionen einnahmen; die deutsche Geschichte schlug jedoch trotzdem zurück, und zwar durch die Studentenbewegung in den 1970er Jahren, als die Jugend gegen diese Scheinheiligkeit rebellierte. Schuld, Mitschuld und Sühne bleiben also hochaktuelle Themen, und ein Blick auf den Artuso-Bericht, sowie auf den Prozess des Auschwitz-Buchhalters Gröning in Deutschland bezeugen, dass Europa diese Kriegsvergangenheit noch nicht bewältigt oder verarbeitet hat.

Allerdings haben die Europäer gelernt, dass es sich lohnt, zusammenzuhalten und keinen Krieg mehr zuzulassen, auch wenn immer mehr EU-feindliche Stimmen zu hören sind und einzelne Parteien antieuropäische Stimmung machen.

Des Weiteren wäre es hier und jetzt, wo wir darüber diskutieren, ob junge Menschen mit 16 wählen können an der Zeit, zu überlegen, wie wir die politische Bildung sowie das Verständnis über die Entstehung von Diktaturen verbessern können. So gewinnen die Erinnerungsfeierlichkeiten einen zusätzlichen Sinn.

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