NIC. DICKEN

Die brachiale Art und Weise, mit der Boris Johnson als neuer Premierminister des (noch) Vereinigten Königreiches „seinen“ Brexit vollziehen will, ruft nicht nur bei den kontinentaleuropäischen Partnern Unverständnis, Kopfschütteln und Sorgen hervor. Sein jüngster Streich, ganz einfach mal das Parlament in Ferien zu schicken - elegant ausgedrückt -, um so die kontroverse Auseinandersetzung um den Modus des Austritts aus der EU zu umgehen, bringt verständlicherweise auch seine eigenen Landsleute auf die Palme. Für Johnson selbst stellt sich längst nicht mehr die Frage, die eine offenbar wachsende Zahl seiner Landsleute beschäftigt, nämlich ob sich der Union Jack aus der europäischen Staatengemeinschaft verabschieden soll oder nicht, für ihn ist es längst klar, dass dieser Schritt gegen alle Bedenken und Einwände zum vorgesehenen Termin am 31. Oktober vollzogen werden muss. Viele Briten erkennen in diesem Prozess eine völlig neue Dimension des traditionellen „Halloween“.

Um sein Vorhaben durchzusetzen scheut der neue Premierminister des Inselreiches nicht davor zurück, eine der ältesten demokratischen Einrichtungen Europas, das „House of Parliament“, außer Kraft zu setzen. Schockiert sind seine politischen Gegner, aber auch viele seiner eigenen Weggefährten, dass er sogar nicht davor zurückgeschreckt ist, die Queen als formales Staatsoberhaupt zu instrumentalisieren und zum Spielball seines taktischen Vorgehens zu machen. Dass er damit am Ende Glaubwürdigkeit und Autorität der Monarchie untergraben und geschädigt hat, scheint den wirren Sturkopf nicht zu stören.

Dass sich der Brexit negativ auf das Wirtschafts- und Sozialgefüge der EU auswirken wird, steht außer Frage. Noch deutlich schärfer aber wird er, nach dem Dafürhalten vieler Beobachter diesseits und jenseits des Kanals, das Vereinigte Königreich selber treffen, auch wenn ein anderer Wirrkopf einige tausend Kilometer weiter westlich bereits die angeblich helfende Hand ausstreckt. America first, UK ... second?

Auf die Idee, dass er mit der gewählten Methode, eine offene Auseinandersetzung zu umgehen, der Glaubwürdigkeit der eigenen Standpunkte schadet, scheint Boris Johnson noch nicht gekommen zu sein. Die nicht gerade europafreundliche Margaret Thatcher konnte sich zumindest noch auf die eigene Tory-Gefolgschaft verlassen. Darauf wird BoJo nicht zählen können.

Noch schlimmer könnten die Auswirkungen eines ohne das Einwirken des Parlamentes erzwungenen Brexit auf den inneren Zusammenhalt des Vereinigten Königreiches sein. Allen voran die Schotten stehen einem Austritt aus der EU alles andere als positiv gegenüber, während auf der irischen Nachbarinsel altes Ungemach neuerlich wieder aufzuflackern droht. Nicht vor ungefähr wird befürchtet, der Brexit, ob mit oder ohne parlamentarische Zustimmung, könnte die Befriedung zwischen Belfast und Dublin um Jahrzehnte zurückwerfen. Kann ein verantwortungsbewusster Regierungschef solches beabsichtigen?