LUXEMBURG/ CORDELIA CHATON

Schon Kleinkinder spielen mit Handys, i-Pads oder anderen Geräten - Was bewirkt das bei ihnen?

Michael Winterhoff hat täglich Fälle von Kindern in seiner Praxis sitzen, die einen Handyschaden haben. Was das ist und wie er sich beheben lässt, erklärt der Experte hier. Er ist sich sicher: Das wahre Problem sind die Eltern. Und denen kann geholfen werden.

Warum geben Eltern Kindern Handys schon im Kleinkindalter?

Michael Winterhoff Warum Eltern das tun? Man kann viel darüber sagen, was das für Kinder bedeutet. Aber die Eltern geben den Kindern solche Geräte, um Ruhe zu haben. Es gab mal Zeiten, in denen man sich Gedanken gemacht hat, was pädagogisch Sinn macht. Damals wurde eine Diskussion ums Fernsehen geführt: Unter vier Jahren nicht, zwischen vier und sechs vielleicht ab und zu ein Zeichentrickfilm, danach gab es Regeln: Nicht allein fernsehen - und wenn, dann nur ausgesuchte Kinderfilme. Genauso könnte man auch Fragen: Ab wann ist ein PC sinnvoll. Interessanterweise sagen die Unternehmen im Silicon Valley ihren Mitarbeitern ganz klar: Gebt den Kindern keine Smartphones. Kinder sind damit allein gelassen.

Wie wirken die Smartphones auf Kinder?

Winterhoff Sie ermöglichen es ihnen nicht mehr, die Welt zu ertasten und zu ergründen. Das Gehirn kann damit nicht viel anfangen. Diese Kinder bleiben auf der Stufe von Kleinkindern stehen. Beispiel Smartphone: Das ist letztlich ein PC. Dort können sie alles sofort haben. Das ist so, als ob der Säugling schreit und sofort kommt die Brust. Die Idee entsteht: Ich kann alles sofort haben. Das andere ist: Wer einem Kind ein Smartphone gibt, lässt es in alle Bereiche. Jedes dritte Kind, das meine Praxis betritt, hat schon Pornos gesehen. Die meisten sind dann elf Jahre alt. Das Kind ist auf mehreren Kanälen abgreifbar. Wir befragen 12- bis 16-Jährige, wie viele Nachrichten sie am Tag erhalten. Die Antwort: Zwischen 200 und 1.200 Nachrichten an einem Tag. Das sind dann WhatsApp-Meldungen, die oft so laufen: Einer sagt: „Hallo“ und 30 antworten „Hallo“. Aus seinen Gedanken wird ein Kind durch solche unwichtigen Dinge immer herausgerissen. Die Ruhe fehlt. Sie spielen nicht mehr, sondern schauen anderen beim Spielen zu. Wir haben 12-Jährige, die Computerspiele von 18-Jährigen kennen.

Sind die Eltern heute denn so anders als früher?

Winterhoff Zunächst muss eines klar sein: Sie sind die Verantwortlichen. Die Katastrophe sind die Eltern. Gehen Sie mal in die Stadt, schauen sie Erwachsene an. Gehetzt, genervt, gereizt, depressiv. Die Frage ist, wieso verändert sich der Erwachsene so sehr? Für mich begründet sich das mit dem Übergang in die digitale Welt. Mitte der 90er Jahre habe ich erstmals Kinder gesehen, die nicht mehr altersgemäß reif waren. Früher waren Kinder mit drei reif für den Kindergarten und mit sechs schulreif, mit 16 dann ausbildungsreif. Heute sind in Deutschland nahezu 60 Prozent der Schulabgänger nicht herkömmlich arbeitsfähig. Das zeigt sich in der Arbeitshaltung, dem Sinn für Pünktlichkeit, dem Sinn für Abläufe. Das Handy ist ihnen wichtiger als alles andere.

Ist die Erziehung dafür verantwortlich?

Winterhoff Die Entwicklung unserer Psyche hat mit Erziehung und Erziehungsstilen nichts zu tun. Ich bin 1955 geboren, damals gab es noch eine autoritäre Erziehung und Schläge waren üblich. Meine Generation und die Folgegeneration, die das nicht mehr erlebt hat, sind mit zur erfolgreichsten der Welt geworden. Wir sind umsichtig, weitsichtig, vorausdenkend, kreativ und halten viel aus. Bei uns hat sich die Grundpsyche optimal gebildet. Dieser Hirnreifungsprozess ist vergleichbar mit dem Erlernen einer Sprache oder Sportart: es ist der gleiche Prozess, nur in einem anderen Bereich des Gehirns. Vor dem digitalen Zeitalter hatten wir durch eine Reduktion der Arbeitszeit und Dank des technischen Fortschritts immer mehr Zeit für uns. Je mehr Zeit der Mensch für sich hat, desto ruhiger und ausgeglichener sollte er sein. Je mehr ich in mir ruhe, desto besser funktioniert die Intuition. Der Umgang mit Kindern klappt dann wie von alleine, bauchgesteuert.

Was ist schief gegangen?

Winterhoff Die Erwachsenen haben unbewusst den Fehler gemacht, die für sich gewonnene Zeit in die digitale Welt zu stecken. Ab 1995 gab es das Internet. Durch das Smartphone hat sich die Situation noch verschärft. Mittlerweile gibt es so viele Informationen und Reizüberflutung, dass es einfach viel zu viel ist. Der Erwachsene reagiert nur noch. Wenn wir Erwachsenen über unsere Psyche verfügen, dann agieren wir, wir überlegen erst. Durch Reizüberflutung aber sind wir gestresst. Deshalb macht Internet auch aggressiv und ungeduldig. Der Erwachsene sehnt sich nach Ruhe, weil er nicht mehr kann. Der gibt dem Kind nach. Das Kind erlebt den Erwachsenen als jemand, der tut, was er will. Damit bleibt es auf Stufe eines Kleinkinds von 10 - 16 Monaten. In diesem Alter muss das Kind die Erfahrung machen, dass es den Menschen im Gegensatz zu Gegenständen nicht immer steuern kann. Es wird daher immer testen, ob ein Erwachsener wie ein Gegenstand reagiert.

Wie stellen Sie fest, ob ein Kind digital geschädigt ist?

Winterhoff Sie erkennen die Kinder, die älter als fünf sind, daran, dass sie Aufträge grundsätzlich mehrmals geben müssen. Die meisten Eltern kommen zu mir, weil die Schule sie schickt, aber sie sehen nicht die tatsächliche Problematik. Wenn ein Kind bei den Eltern nicht beim ersten Mal hört, dann wird es das auch nicht in der Schule und später beim Arbeitgeber tun. Die Kinder und Jugendlichen, die zu mir kommen, sind in der Regel sehr gut erzogen. Sie drehen sich aber nur um sich, machen nur, wozu sie Lust haben, verweigern Anforderungen. Sie können sich im Unterricht nicht anders als in der Pause benehmen. Sie lernen nicht aus Konflikten und Fehlern und haben keine Empathie. Sie sind letztlich nicht arbeitsfähig.

Ist ihnen noch zu helfen?

Winterhoff Bis 25 Jahre kann sich die emotionale und soziale Psyche noch entwickeln, könnten diese Kinder noch „nachreifen“. Das Verhalten der betroffenen Kinder sehen Sie am besten bei Leistungsanforderungen wie bei Intelligenztests. Sie wirken dann häufig unmotiviert, geben unüberlegt Antworten, um Ruhe zu haben. Wenn ich sie bitte, noch einmal nachzudenken, so tun sie nur so, um das falsche Ergebnis als richtig zu verkaufen. Aber um den Kindern zu helfen, müssen die Eltern sich ändern. Die sind häufig aufgrund ihrer permanenten Überforderung unbewusst in eine Symbiose gerutscht. Das Kind ist ein Teil ihrer selbst geworden. Somit fühlen und denken sie für ihr Kind und gehen für es in die Schule. Es handelt sich um eine Beziehungsstörung. Diese lässt sich nur beheben, wenn die Erwachsenen sich verändern.

Was heilt die Eltern?

Winterhoff Der Erwachsene muss sich in eine Position versetzen, in der wir 1995 waren. Die Psyche muss sich generieren. Das geht nur, wenn wir mit uns allein im Kontakt sind. Ich schicke die Eltern in den Wald oder in die Kirche. Das erste Mal sind vier Stunden notwendig - ohne Joggen, Handy oder Hund. Dann sind sie meist zwei Stunden lang sehr aufgedreht, alle Gedanken kommen hoch. Danach wird man wieder man selbst und ruht in sich. Man ist entspannt und merkt, wie ruhig man ist. Jetzt können sie wieder das Kind als Kind wahrnehmen und verfügen über ihre Intuition. Aber es ist schwierig, es ihnen beizubiegen. Das Nichtstun und auf sich geworfen sein kostet sie echte Überwindung. Danach sind sie wieder mit sich im Kontakt und sind wieder Kapitän ihrer Psyche. Dadurch verändert sich die Sicht auf die Probleme sehr. Man gewinnt zu Problemen Distanz. Die Symbiose ist beendet, die Eltern sind wieder handlungsfähig und können beurteilen, was Sinn macht. Um auf Dauer in sich ruhen zu können, muss man aber weiter in den Wald gehen, um sich immer wieder zu erden. Ich gehe alle zwei Wochen zwei Stunden in den Wald. Die Alternative zum Wald lautet: Sich am Anfang jeden Tag 20 bis 30 Minuten in eine stille Kirche setzen, auf Dauer reichen 15 Minuten in der Woche. Doch egal ob Yoga, Meditation, Wald oder Kirche: Wir müssen gezielt etwas tun, um wieder mit uns im Kontakt zu sein. Nur so kann unsere Psyche regenerieren. Dann haben wir eine gute Lebensqualität. Und dann machen wir mit den Kindern alles richtig.

zur Person: Michael Winterhoff

Michael Winterhoff, geboren 1955, ist Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut. Er studierte von 1977 bis 1983 Humanmedizin an der Universität Bonn. Seit 1988 ist er als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bonn niedergelassen. Als Sozialpsychiater ist der anerkannte Facharzt auch im Bereich der Jugendhilfe tätig. Er befasst sich vorrangig mit psychischen Entwicklungsstörungen im Kindes- und Jugendalter aus tiefenpsychologischer Sicht.