LUXEMBURG
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Insgesamt 35 Jahre lang war Astrid Lulling Mitglied des Europaparlaments, dessen Entstehung sie quasi von Anfang begleitete. 1949 begann das gerade einmal 20jährige „klengt Aarbechtermeedchen“ aus Schifflingen, das zuvor in der Apotheke Thewes in Esch-Alzette ausgeholfen hatte, als Bürokraft beim „Lëtzebuerger Aarbechterverband“ (der Vorläufer des OGBL) unter dem damaligen Präsidenten und Abgeordneten Antoine Krier, dessen „rechte Hand“ sie nach und nach werden sollte. In diesem Jahr entstand auch das „Comité intersyndical pour l’internationalisation de la Ruhr“.

Das Europaparlament: In Strassburg, weil in Luxemburg Übersetzerkabinen fehlten

„Die Gewerkschaften hatten bereits vor der Schuman-Erklärung die Idee, die Stahl- und Kohleindustrien zusammen zu legen, um so einen neuen Krieg zu vermeiden“, erinnert sich Lulling. Die Gewerkschaften begleiteten auch den Prozess des Aufbaus der Stahl- und Kohleunion sehr eng und so war Lulling unter anderem auch bei den Verhandlungen zum Pariser Vertrag von 1951 dabei, der die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl schuf, die auch eine beratende „Gemeinsame Versammlung“ vorsah, in der die nationalen Parlamente der Mitgliedstaaten Vertreter (insgesamt 78) entstenden konnten - es war der Vorläufer des heutigen Europaparlaments. Dass es nach Strassburg wanderte, statt in Luxemburg zu bleiben, wo die EGKS ihren Sitz hatte, erkläre sich laut Astrid Lulling übrigens dadurch, dass Luxemburg damals nicht über einen Saal mit genügend Kabinen für Übersetzer verfügte.
Deshalb wurde auf die Infrastrukturen des Europarats in der elsässischen Hauptstadt zurück gegriffen... Näheres und noch viel mehr aus ihrem langen und bewegten Leben, will die Politikerin in ihren Memoiren schildern, die sie derzeit zu Papier bringt. Sie selbst, die ab Anfang der 1960er in Brüssel im europäischen Gewerkschaftssekretariat arbeitete, schaffte es 1965 erstmals ins Parlament und zugleich ins Europaparlament, dessen Mitglieder damals noch nicht direkt gewählt wurden. „Ich arbeitete in Brüssel und kannte die Kulissen der Arbeit im Europaparlament“, erinnert sie sich, „deshalb habe ich gefragt, schickt mich doch dorthin“. Astrid Lulling, die nach Jahrzehnten erste Frau in der „Chamber“ war, war auch eine der ersten Damen im Europaparlament, wo sie zunächst bis 1974 blieb und sich in Ausschüssen wie Landwirtschaft und Finanzen - „alle Ausschüsse, die wichtig für Luxemburg sind“ - betätigte.
Damals gab es schwere Richtungsstreitigkeiten bei der LSAP und Lulling saß danach für die Sozialdemokratische Partei (SDP) in der „Chamber“. Die SDP hatte sich von der LSAP abgespalten nachdem dort eine starke Strömung gegen Koalitionen mit der CSV und für welche mit den Kommunisten herrschte. 1984 löste sich die SDP auf. Und Astrid Lulling stieß zur CSV. Für die sie 1989 wieder ins Europaparlament ziehen konnte. „Ich habe Viviane Reding immer bei Europawahlen geschlagen, bis 1999“, lacht die Politikerin, „was habe ich sie damals überall gelobt, als sie EU-Kommissarin werden wollte, ich konnte mich fast schon nicht mehr im Spiegel betrachten. Aber ich musste sie ja irgendwie loswerden, um ins Europaparlament zu kommen“.

„Luxemburg hat Einfluss verloren“

2014 setzte ihre Partei Astrid Lulling nicht mehr auf die Europawahlliste, worüber sich die Anhängerin des „franc parler“ öffentlich noch immer schwer beklagt. Dadurch habe die CSV und die luxemburgischen Vertreter insgesamt eine Menge Einfluss im Europaparlament verloren, schließlich sei sie, Astrid Lulling, nicht nur sehr gut vernetzt und beliebt dort gewesen, sondern sei auch als Quästorin - Interessensvertreterin der Europaparlamentarier - seit 2004 Mitglied des EP-Präsidiums gewesen. „Wenn man im Europaparlament gerne mitreden will, muss man auch superpräsent sein, auch nach Ende der Sitzungen“, sagt Astrid Lulling, die sich an so manchen Kampf erinnert, um Ziele durchzusetzen. Kämpfe, die sie schon mal innerhalb der EVP-Fraktion ausfechten musste und danach in den Ausschüssen, um so viele Abgeordneten wie möglich auf ihre Seite zu bekommen. Das bedeutet manchmal hunderte Stunden Arbeit und tausende Änderungsanträge zu beackern und abzuwägen in einem Europaparlament, das heute sehr anders sei, als zu Zeiten ihrer ersten Mandate, sagt Astrid Lulling.

„Schritt für Schritt in die richtige Richtung weiter gehen“

„Damals hatten wir zwar nichts zu sagen, wir hatten aber Einfluss, indem wir gute Berichte zu den Vorschlägen der Kommission verfassten“. Heute sei das Europaparlament allein wegen der Zahl der Abgeordneten und Mitarbeiter sowie der vielen Fraktionen, in denen auch noch unterschiedliche Strömungen herrschen, kaum mehr zu überblicken. „Es ist schwieriger geworden, Kompromisse zu erzielen“, sagt Astrid Lulling, die ebenfalls beklagt, dass in manche Berichte viel zu viel reingepackt wird, was sie unannehmbar für den Rat der Staats- und Regierungschefs macht. Konkret erinnert sie sich an eine Initiative von 2008 zur europaweiten Regelung des Mutterschaftsurlaubs, in der später auch noch der Vaterschaftsurlaub und andere Freistellungen geregelt werden sollten. Die Angelegenheit liegt bis heute auf Eis. „Man darf das Schiff nicht überladen und muss stattdessen Schritt für Schritt in die richtige Richtung weitergehen“, empfiehlt die langjährige Politikerin, die das Geschehen im Europaparlament weiterhin genau beobachtet - und auch nicht daran denkt, sich politisch zur Ruhe zu setzen.