LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Das Absolute in der Kunst

Kunst wird in der philosophischen Ästhetik oft im Verhältnis zur Wahrheit untersucht. So gilt es für die einen als belehrendes Abbild des Lebens, für die anderen als illusorische Flucht vor den Übeln des Wirklichen. Für den deutschen Philosophen Georg W. F. Hegel (1770-1831) stellt die Kunst zwar auch eine Art des Scheins dar, jedoch ist sie näher an dem Wesentlichen dran, als alles in der Welt Gegebene. Bevor wir uns mit der Kunst als Medium dieses Absoluten beschäftigen, so wie Hegel sie deutete, sollte zunächst der Kontext, in dem diese These entstanden ist, umrissen werden. Hegel gilt als einer der bekanntesten Vertreter des deutschen Idealismus, jener philosophischen Tendenz, die sich mit dem denkenden Geist und der Vernunft befassten. Bei Hegel ist es die Wirklichkeit im Ganzen, die mit der Vernunft zu identifizieren ist. Jedes Wissen eines von unserem Bewusstsein unabhängig Existierenden ist demnach in unserem Geist miteinbezogen, der sich in allem selbst erkennt. Diesen nennt Hegel den absoluten Geist, das einzige Prinzip, aus dem sich alle Wirklichkeit ableiten lässt. Mit dem Begriff des Absoluten geht einher, dass es eine Einheit bilden muss, erst aus ihm fließt das Existierende. So kann in ihm keine Unterscheidung zwischen unserem Geistigen und einem äußeren Gegebenen enthalten sein. Das philosophische System Hegels soll dieses Absolute und dessen Erscheinungsformen aufdecken.

Der philosophische Gedanke kann die wahre Wirklichkeit, das Absolute, als „wahrhaftigste Realität“ erfassen. In der Kunst ist dies nicht möglich, geht es hier doch primär um bildhafte Darstellung. Kann die Kunst das Wesentliche, das Absolute, also das Geistige zugänglich machen? Hegel bejaht dies, und begründet dies damit, dass Kunst ja erst aus dem Geiste des Subjekts entsteht. Die freie Kunst, die ohne einen belehrenden oder nachahmenden Zweck daherkommt, bringt „die höchsten Bedürfnisse des Geistes zum Bewusstsein“, heißt es in Hegels Schrift. Er meint damit, dass das vom Künstler Geschaffene sozusagen als Spiegel dessen geistigen Inhalts zu deuten ist. Schöne Kunst ist somit ein schöner Schein, der vom Geist geboren wird.

Das, was der Mensch nicht sinnlich erkennen kann, das rein Geistige, wird durch die Kunst in ein Verhältnis zu sich, zur Menschheit, zur Natur und zum Göttlichen gesetzt. Als Beispiel hierfür nennt Hegel die Künste der Weltkulturen. Die Völker haben in ihrem künstlerischen Schaffen das gegenwärtige Selbst- und Weltverständnis zum Ausdruck gebracht. Sie versinnlichten ihren geistigen Inhalt, wodurch die Kunst heute für uns zum Schlüssel geworden ist, um mehr über die Gesinnungen der damaligen Zeit erfahren zu können. Wenn die Kunst nun ein unmittelbarer Ausdruck des Geistes ist, in welcher Form zeigt er sich in ihr? Gibt es in allen Werken eine gleiche Versinnlichung des Absoluten, in der abstrakten Kunst der Moderne, wie in der klassischen Kunst der Griechen?

Die symbolische Kunst zeichnet sich dadurch aus, dass sie das Undarstellbare und Übermächtige des Absoluten thematisiert. In ihr wird deutlich, dass jenes niemals mit sinnlichen Formen kenntlich gemacht werden könnte: Die Bedeutung des Absoluten wird in die Natur hineininterpretiert, so als ob „ihnen die Idee selbst gegenwärtig wäre“. Die Idee des Geistes wird also stark mit der natürlichen Gestalt kontrastiert. Von dem Konzept der absoluten Einheit sind wir hier weit entfernt. In der klassischen Kunstform wird die Idee in der Natur präsent. Es muss eine spezifische Gestalt vom Künstler gewählt werden, die dem Geistigen am ehesten zukommt. Die „Naturgestalt des Geistes“ ist für Hegel der Mensch. In der Skulptur der schönen Menschengestalt, die von allem Zufälligen und Unwesentlichem, allem Endlichen und Bedürftigen befreit ist, zeigen sich Idee und Natur im Einklang. Aber auch hier ist der Ausdruck nicht ein Ebenbild des Absoluten, sondern nur eine Entsprechung. Der Geist wird in der schönen Skulptur zwar konkreter, manifestiert sich aber nicht als das Absolute. Eine Skulptur ist ein besonderes Einzelnes, nicht ein Allumfassendes oder Ewiges. Solange noch ein Besonderes gegeben ist, kann nicht von einer Einheit gesprochen werden, die nur im Geistigen und Innerlichen des Menschen gewusst werden kann.

Interessanterweise stuft Hegel die romantische Kunst als die Kunstform ein, welche die Spaltung des Natürlichen und des Geistigen am ehesten aufheben kann. In der Romantik werden durch intensive Naturdarstellungen hauptsächlich Gefühle angesprochen, sodass dies als „Triumph der Innerlichkeit“ angesehen wird. Es ist das menschliche Bewusstsein und somit auch der Geist, der durch das sinnliche Medium direkt angesprochen wird. Das eigentliche Materielle, die Natur und die Gestalt werden zur Nebensache. So kann mit der romantischen Kunst der Einheit nähergekommen werden, indem die Beschränkung zwischen Gestalt und Geist innerlich aufgehoben wird und die wesentliche Innigkeit des Subjekts siegt.

Gewusst werden kann das Absolute nach wie vor nur im Denken. Aber dennoch sieht Hegel in der Kunst eine Vorstufe der „Manifestationsgeschichte des absoluten Geistes“. Die Auslegungen Hegels sind zwar nicht unbedingt leicht zu greifen, unter anderem seine Idee der Äußerung der zeitgenössischen Gesinnung als Gegenstand des Kunstwerks, lädt aber dennoch zu weiteren Reflexionen diesbezüglich ein. Was sagt die heutige Kunst über unseren Zeitgeist aus? Inwiefern repräsentiert das Schaffen unserer kreativen Mitmenschen eine eventuell bereits erfolgte Bündelung der zeitgenössischen Meinungen und Tendenzen? Wie die heutige Kunst gedeutet werden wird, im allumfassenden Zusammenhang, und was genau daraus gelesen und interpretiert werden kann, wird wohl noch nicht in nächster Zukunft gewusst werden können. Was denken Sie, sagen die Bilder von Gerhard Richter oder die Fotografien von Cindy Sherman über unseren heutigen geistigen Zustand aus?