PASCAL STEINWACHS

Da hilft auch kein Verweigern von „Dëppefester“, Wochenmärkten, Traktorshows, Fußballspielen und sonstigen Veranstaltungen. Wer morgens zum Briefkasten geht, in der Mittagsstunde das Radio einschaltet oder sich am Abend beim Flimmerkasten zu entspannen versucht, der stößt dort nämlich auf dieselben Leute, wegen denen er seit einiger Zeit auf den Besuch all der „Dëppefester“ und Wochenmärkte verzichtet hat. Sogar auf Facebook flattern einem momentan tagtäglich Freundschaftsanfragen von Leuten entgegen, von denen man bislang noch nie gehört hatte, die aber anscheinend auf irgend einer Liste Kandidat sind.

Der Wahlkampf, der sich in diesem Jahr aus den bekannten Gründen auf wenige Wochen beschränkt, ist definitiv in der heißen Phase angelangt, wobei besonders die Erstkandidaten darauf achten müssen, nicht zu kurz zu kommen und in der Öffentlichkeit auch als Kandidaten wahrgenommen zu werden. Wer jetzt noch nicht bekannt ist, der dürfte es auch in dreieinhalb Wochen nicht sein, zumal die Wesselmänner auf die Spitzenkandidaten ausgerichtet sind oder sich direkt auf irgend einen leeren Wahlslogan à la „Fair & stabil“, „Loscht op muer!“ beschränken.

Es ist nämlich nun einmal so, dass ein Großteil der Wählerschaft eher auf Köpfe denn auf Inhalte setzt, ansonsten sich ein Politiker wie Jean-Claude Juncker wohl kaum seit mehr als 30 Jahren in der Regierung hätte halten können. Und Wahlprogramme werden im Regelfall nicht nur nicht gelesen, sondern, sollten sie dann trotzdem mal durchblättert werden, auch nicht verstanden, sind sie doch zumeist in einer derart kryptisch-verklausulierten Sprache verfasst, dass hier ausschließlich Politprofis durchblicken. Das ist natürlich so gewollt, werden die Koalitionsverhandlungen nach dem 20. Oktober doch auf Basis eben dieser Wahlprogramme geführt und ist das anschließende Regierungsprogramm als eine Art Zusammenfassung der Wahlprogramme derjenigen Parteien zu verstehen, die gerade eine Lebensabschnittspartnerschaft eingegangen sind. Da ist es oftmals besser, wenn Ottonormalwähler nicht zu viel versteht.

Auszüge aus den Wahlprogrammen werden gemeinhin nur häppchenweise serviert, zum Beispiel dann, wenn sie eine Partei als fortschrittlich aussehen lassen, die sonst als altbacken und konservativ angesehen wird. Dass die seit 1948 (mit Ausnahme der Jahre 1974 bis 1979) ununterbrochen den Regierungschef stellende CSV ausgerechnet jetzt den Religionsunterricht in der Sekundarschule durch einen Werteunterricht ersetzen will, ist dann auch ein allzu durchsichtiges Manöver, das dafür sorgen soll, dass sich die Juncker-Partei ein Mäntelchen der Fortschrittlichkeit überziehen kann. Nicht weniger durchsichtig ist da natürlich die - eigentlich begrüßenswerte - Idee von LSAP-Spitzenkandidat Etienne Schneider, die Ministermandate auf zwei Legislaturperioden zu begrenzen, müssten sich die Minister Asselborn, Di Bartolomeo und Schmit im Falle doch dann im Falle einer Wiederwahl spätestens im nächsten Jahr freiwillig gezwungen aufs politische Altenteil zurückziehen. Da sind wir aber mal gespannt...