LUXEMBURG
COLETTE MART

Lucien Blau hat seine Jugenderinnerungen bei ultimomondo veröffentlicht

Der Historiker Lucien Blau, der sich insbesondere durch seine Recherchen über den Luxemburger Widerstand im Zweiten Weltkrieg, sowie auch über die politische Rechte in unserem Land einen Namen machte, veröffentlichte vor kurzem seine Jugenderinnerungen, und dies unter dem Titel „Mat der Döschewo bei de Mao Tse Tung“.

Escher Studentenrevolte

Dem interessierten Leser offenbaren sich die empfindsamen Gedanken und Erinnerungen eines Jugendlichen aus dem Minett, eines „Minettsdapp“ also, der hier als besonderer Menschenschlag gewürdigt wird.

Das Buch vermittelt einen Einblick in den Alltag einer Düdelinger Arbeiterfamilie in den siebziger Jahren sowie in den Schulalltag im Escher Jungengymnasium, aus dem um 1970 eine Studentenrevolte hervorging, die sich damals gegen das politische Establishment richtete, und sich in vielen Punkten auch der 68ger Revolte in Frankreich anschloss.

In einem unaufdringlichen Stil, mit zahlreichen humorvollen Anekdoten, mit sympathischen Referenzen an heute bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, beschreibt Lucien Blau sein Leben zwischen einer italienischen Mutter, einem luxemburgischen Vater und einem Bruder, der früh als Arbeiter zur ARBED kommt. Er vermittelt seine Träume von Liebe und Sexualität, seine intellektuellen Interessen und seine ersten Schritte in einer politischen Studentenbewegung.

Der Autor zeichnet mit seinem Buch ein Gesellschaftsbild, in dem im Alltag einer Arbeiterfamilie ohne Zweifel emotionale Stabilität herrscht. Hin und wieder fährt man zur Familie der Mutter nach Italien und im Düdelingen der siebziger Jahre fühlt man sich integriert. Lucien Blau lässt Orte wieder auferstehen, die viele „Minettsdäpp“ gekannt haben: das Tanzlokal „Heuertz“ und die kleinen Geschäfte und Restaurants rund um das Escher Gymnasium.

Er beschreibt eine Welt, die ihre Rituale und Traditionen hat, in der auf konventionelle Art und Weise in der Schule gelehrt wird, in der Bildung zwar hoch gehalten wird, aber trotzdem Jungen geschlagen und erniedrigt werden. Hinter der bürgerlichen Fassade Luxemburgs entdecken kritische Jugendliche in den Siebzigern gewalttätige Erziehungsmethoden, setzen sich mit dem Vietnamkrieg auseinander, streiten mit ihren Eltern um die Rolle Amerikas in der Welt, kritisieren die damalige CSV-DP Regierung. Dies alles im Umfeld des Kalten Krieges, in dem die Fronten klar erschienen, und die rebellierenden Studenten schnell dem linksradikalen Lager zugeordnet wurden.

Lucien Blaus Buch wird demgemäß, über die Erinnerung an die persönliche Lebensgeschichte hinaus, ein historischer Rückblick auf die Studentenrevolte in Esch Anfang der siebziger Jahre. Blaus Buch wirkt auf Anhieb keineswegs analytisch, ist es schlussendlich trotzdem.

Fehlende Diskussionsbereitschaft

Aus der Beschreibung des persönlichen Erlebens eines Schülers, der versucht, die Ungerechtigkeiten und Brutalitäten in der Welt zu erkennen und zu denunzieren, ergibt sich ein korrektes, und doch emotionsgefärbtes Bild über die linke Studentenbewegung in Esch.

Aus ihr gingen maoistische und trotzkistische Gruppierungen hervor, die die hier engagierten Jugendlichen mit den Jahren einengten, insbesondere nachdem sie tatsächlich eine Reise in ihr Traumland China unternommen hatten.

Wer als politischer Beobachter hier und jetzt diese Geschichte liest, kommt zur Schlussfolgerung, dass in der Zeit des Kalten Krieges die Ängste vor der Ausbreitung des Kommunismus in der Gesellschaft derart groß waren, dass eine sachliche Diskussion mit kritischen Jugendlichen nicht möglich gewesen ist.

Die Denunzierung gewalttägiger Erziehungsmethoden, wie sie sowohl im damaligen Jungengymnasium als auch in christlichen Erziehungsheimen gang und gäbe waren, sowie die kritische Analyse der Grausamkeiten des Vietnamkriegs waren Themen, über die man mit der Jugend hätte diskutieren müssen. Dies geschah jedoch eher nicht, oder selten. Lehrer schlugen zu, die Presse erwies sich oft als undifferenziert oder nutzte die Studentenrevolte zu nationalpolitischen Zwecken aus.

Hinzufügen sei jedoch auch, dass die linksgerichtete Studentenbewegung jenen Jugendlichen, die nicht auf ihrer Seite standen, damals Angst einflössten , weil mit der Weltrevolution gedroht wurde. Diese Drohung wurde von sensiblen bürgerlichen Jugendlichen durchaus ernst genommen. Lucien Blaus „Mat der Döschewo bei de Mao Tse-Tung“ ist demgemäß ein empfehlenswertes, intelligentes Buch, das die Minettgegend und ihre Menschen in den siebziger Jahren wieder auferstehen lässt.

Es ist mit Fotos, Dokumenten und Zeitungsartikeln aus der damaligen Zeit illustriert, auf dem sich so mancher Escher oder Düdelinger vielleicht wiederfindet.
„Mat der Döschewo bei de Mao Tse-Tung“ von Lucien Blau. Verlag ultimomondo, 190 Seiten