NIC. DICKEN

Matteo Salvini, seit etwas mehr als einem Jahr amtierender italienischer Innenminister, entpuppt sich immer mehr als machtbesessener Politiker, dem offenbar alle Mittel recht sind, um zu seinem Ziel zu kommen: Regierungschef seines Landes zu werden. Diesem wiederum wären allerdings eher andere politische Initiativen von Nutzen als den Machthunger einzelner Selbstdarsteller zu befriedigen, denen mehr an der eigenen Rolle gelegen ist als an den Bedürfnissen und Ansprüchen der von ihnen verwalteten Bevölkerung. Es ist ein altbekanntes Modell aufstiegsbesessener Politiker, einzelne Bevölkerungsgruppen aufzuwiegeln und dann zielgerichtet gegeneinander auszuspielen. Die Vorgehensweise wurde zwar nicht erst im 20. Jahrhundert entdeckt, wurde allerdings besonders in der ersten Hälfte zu nie gekannter Grausamkeit perfektioniert.

Salvinis Strategie, sprichwörtlich über die Leichen Tausender Bootsflüchtlinge zu gehen, um zu seinem Ziel zu kommen, entspricht jedoch irgendwie nicht der Gastfreundschaft seines Landes, das über Jahrzehnte hinweg zum Mekka sonnenhungriger Nordeuropäer geworden war und sehr gut mit deren Devisen zu leben wusste, bis günstigere Mittelmeergestade die Touristenströme in andere Gefilde lockten.

Es wäre wohl vermessen, den alten Römern angesichts ihrer konsequent betriebenen Hegemonie in irgendeiner Weise Bescheidenheit zu attestieren. Immerhin aber hatten sie die Dezenz, das den italienischen Stiefel umfließende Mittelmeer in „mare nostrum“ (Tyrrhenisches Meer vor Rom) und „mare eorum ( das Adriatische Meer) aufzuteilen. Salvini dagegen beansprucht zunehmend die Verfügungsvollmacht über die Rettungseinsätze, die humanitäre Organisationen zur Rettung von Bootsflüchtlingen unternehmen, die zwangsläufig den Übergang zu Europa an der schmalsten Stelle des Mittelmeeres suchen. Und die liegt nun mal zwischen Tunesien und dem südlichen Italien mit den vorgelagerten Inseln.

Das vereinte Europa hat sich ganz im Verlauf des zunehmenden Flüchtlingsstroms lange Zeit nicht mit Ruhm bekleckert, indem es die Mittelmeeranrainerstaaten (zu) lange mit dem Problem der anlandenden „boat people“ allein ließ. Mittlerweile ist dieser Strom allerdings abgeebbt und es gibt eine Reihe von Staaten, die mit gutem Willen vorangehen und Italien genau so wie Malta die ankommenden Flüchtlinge abzunehmen bereit sind. Zu ihnen gehört löblicherweise auch Luxemburg, nebenbei bemerkt.

Umso erstaunlicher mutet es denn auch an, dass Salvini mit seinem immer offener zur Schau getragenen Fremdenhass in seinem Land zunehmend beliebt mach, das, wie schon erwähnt, eigentlich ganz andere soziale, wirtschaftliche und finanzielle Sorgen beschäftigen müsste als einige tausend Flüchtlinge auf der Durchreise. Aber das Machtgehabe des italienischen Innenminister scheint auf echte Gegenliebe zu stoßen und verspricht ihm den angestrebten Erfolg bei den veranschlagten Neuwahlen, die vor allem auch den gemäßigten Regierungschef Conté beiseite schaffen sollen. Mit seinem „mare mio“-Konzept wäre Salvini am Ziel seiner Wünsche.