„Der Spiegel“ warf in seinem Leitartikel diese Woche die Frage auf, warum es angesichts der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer keine internationalen Proteste gibt, wie zum Beispiel anlässlich des Attentats gegen die Journalisten von Charlie Hebdo.

Tatsächlich gibt es wenig öffentliche Empathie; allerdings gab es einen Aufruf zu einer Stunde des Schweigens auf der „Place d’Armes“ in Luxemburg, und es waren immerhin mehrere Hundert Menschen gekommen, auch Politiker aller Couleur, was unser kleines Land ehrt. „Dies wird ein Krieg…“ sagte ein Politiker, und in der Tat empfiehlt sich in Sachen Flüchtlingsproblematik im Mittelmeer eine umfassende Strategie, in der alle implizierten Länder ihre Verantwortung übernehmen müssen. Denn dort, wo Menschen nicht mehr leben können, werden sie flüchten, um Überlebensmöglichkeiten dort zu suchen, wo sie welche vermuten.

Als einsamer humanitärer Kämpfer schält sich im Rahmen der Europäischen Union derzeit Italien heraus, das bereits 2013 die Seerettungsmission „Mare Nostrum“ initiierte. „Mare Nostrum“, ein symbolträchtiger Name, der auf lateinisch an die Kulturgeschichte Europas, sowie an die Gemeinsamkeiten zwischen den Völkern des Mittelmeerraums anknüpft, rettete 166.000 Flüchtlinge. Es folgte die europäische „Operation Triton“, welche eher eine Grenzüberwachung darstellte, was aber den Flüchtlingsstrom überhaupt nicht verringerte, und dies sollte uns zu denken geben. Wer vorige Woche im deutschen Fernsehen den Empfang der 27 überlebenden Flüchtlinge des rezentesten Flüchtlingsdramas mit fast Tausend Toten in Catania mitverfolgte, konnte feststellen, dass die Sizilianer die Flüchtlinge liebevoll willkommen hießen. Die Italiener positionnieren sich hier sehr positiv, denn sie sehen den Flüchtlingen direkt in die Augen, und die physische Nähe zu völlig ausgemergelten und unglücklichen Menschen ruft schlicht und einfach jene Nächstenliebe und jene europäischen Werte hervor, von denen wir alle sehr gerne sprechen. Interviews mit mittlerweile integrierten afrikanischen Flüchtlingen in Catania zeigen, dass es sich hier um Menschen aller Bildungsniveaus handelt, also um Menschen wie wir alle, die durchaus einen Platz in unserer Gesellschaft finden können.

Natürlich ist Mitmenschlichkeit nicht die einzige Lösung für ein Problem, das politisch und strukturell angegangen werden muss, damit Afrikaner und Araber in Frieden und in ausreichendem Wohlstand dort leben können, wo sie geboren sind. Die Tatsache, dass Europa in Libyen zum Beispiel keinen politischen Ansprechpartner hat, sollte uns zu denken geben; wenn wir helfen, einen Diktator zu stürzen, kann ein Land in ein politisches Vakuum zurückfallen, das anschließend eine ganze Weltregion erschüttert. Ein Minister aus Burkina Faso, der vor einiger Zeit im deutschen Fernsehen auf die Absatzprobleme für hochwertige burkinische Baumwolle angesichts der subventionierten Baumwolle auf dem Weltmarkt aufmerksam machte, unterstrich, dass wenn Afrikas Produkte keine Absatzmöglichkeiten finden, die Menschen massenhaft fliehen werden. „Sie werden alle nach Europa kommen…“ sagte er. Diese Weltmarktproblematik sollte also prioritär angegangen werden.

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