LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Die Automobil-Branche stellt wegen des Coronavirus in Luxemburg und im Ausland um - Atemschutzmasken und Beatmungsgeräte kommen nun aus verschiedenen Werken

Atemschutzmasken in Motorenwerken, Teile für die Fertigung von Beatmungsgeräten in Montagehallen: Fast alle Hersteller machen mit und unterstützen Regierungen im Kampf gegen das Virus. In Luxemburg selbst gibt es zwar keine großen Autohersteller. Doch der Sektor hat sich organisiert. Alle drei Verbände, die seit 2016 im „House of Automobile“ zusammengeschlossen sind, haben sich zusammengesetzt und einen Notdienst koordiniert. Das betrifft sowohl FEBIAC Luxemburg, den Verband der Importeure und Hersteller, der von Guido Savi repräsentiert wird, als auch die Luxemburger „Fédération des distributeurs d´automobiles et de la mobilité“ (Fedamo), die Konzessionen und Werkstätten vertritt, sowie mobiz, den Verband der Autovermieter und -verleaser.

„Wir haben gemeinsam sichergestellt, dass es einen ständigen Bereitschaftsnotdienst für Notfallreparaturen und -wartungen gibt“, sagte Savi dem „Journal“. Der kommerzielle Betrieb in den Konzessionen wurde eingestellt.

Er beobachtet mit Interesse, was sich auf internationalem Niveau tut. Dort gibt es ein Problem, da viele Werke geschlossen sind und sowieso nicht arbeiten könnten, weil relevante Teile fehlen. Über lange Zeit funktionierte die Automobilindustrie mit Just-in-time, kurzen Lagerzeiten und kleinen Beständen. „Aber viele Hersteller haben die Möglichkeit, etwas zu produzieren, sie verfügen über Personal und Fachwissen und haben Platz im Werk“, erklärt Savi. „Daher haben sich einige auf die Herstellung von Beatmungsgeräten spezialisiert.“

Automobilindustrie unterstützt Hersteller von Beatmungsgeräten

Er berichtet, dass Ford, Toyota, Jaguar Land Rover und Rolls Royce vorgeschlagen haben, ihre Werke und ihr Personal für die Fertigung von Beatmungsgeräten zur Verfügung zu stellen. Das soll die Hersteller von Beatmungsgeräten entlasten, die am Limit arbeiten. Manche gehen noch weiter. So hat Tesla einen Space-Bereich. „Dort gibt es auch ein Labor für Anwendungen. Deshalb hat Tesla vorgeschlagen, sein Wissen bei Beatmungsgeräten sowie auch bei Masken und Handschuhen zur Verfügung zu stellen“, sagt der Febiac-Sprecher. In Italien, das unter dem Coronavirus besonders leidet, stellt Siare Engineering aus Bologna seit 1974 Beatmungsgeräte und Anästhesieprodukte her. Jetzt ist das Unternehmen, das als eines der größten in der Branche gilt, in Gesprächen mit FCA. „Es geht vor allem darum, die Produktion zu beschleunigen“, betont Savi. Die Masken sollten an medizinisches Personal gespendet werden. Ziel sei es, mehr als eine Million Gesichtsmasken pro Monat zu produzieren, wahrscheinlich in Asien.

In Deutschland, wo die Regierung die traditionell sehr starke Automobilindustrie um Hilfe gebeten hat, hat Volkswagen vorgeschlagen, seine 3D-Drucker für die Produktion von Beatmungsgeräten zu nutzen. Auch in Kanada organisieren sich Zulieferer auf Bitte der Regierung. „Die Branche organisiert sich“, freut sich Savi. Dabei spielt auch die Forschung eine Rolle. An der Freien Universität Brüssel läuft derzeit ein Projekt zur Produktion von kostengünstigen, einfach zu fertigenden Beatmungsgeräten. Die Idee ist, Komponenten zu verwenden, die in großer Zahl in anderen Sektoren außerhalb des medizinischen Bereichs verfügbar sind, der im Moment überlastet ist. In China fertigt der Autozulieferer ZF in Friedrichshafen am Bodensee seit Anfang März Atemschutzmasken. Dazu habe das Unternehmen extra eine Maschine angeschafft, die täglich rund 90.000 bis 100.000 Stück herstellt. ZF ist auf die Masken für seine rund 14.000 Mitarbeiter in den etwa 40 Werken in China angewiesen, weil sie jetzt vorgeschrieben sind. Ohne ausreichenden Vorrat hätte die Produktion eingestellt werden müssen.

Wie man geschickt verschiedene Sektoren verknüpft, macht die bayerische Landesregierung vor. Der niederbayerische Zulieferer Zettl Automotive, der eigentlich Sitzbezüge fertigt, produziert nun Atemschutzmasken im Auftrag Münchens. Dafür wird Zettl von der Sandler AG mit Material für eine Million Schutzmasken beliefert. Der fränkische Hersteller, der mit 850 Mitarbeitern rund 322 Millionen Euro umsetzt, ist einer der 15 größten Vlieshersteller weltweit. Sandler hat zwar genug Vlies, aber nicht genug Nähkapazitäten. Hier koordiniert das bayerische Wirtschaftsministerium, das eine Liste von Unternehmen zusammengestellt hat. Es hat auch Trans-Textil aus Freilassing um Hilfe gebeten. „Die stellen einen speziellen Stoff für OP-Tücher her, der dreilagig ist. Die innere Lage ist viren- und bakteriendicht. Österreich stellt daher schon länger daraus Masken her. Daher hat das Unternehmen uns vorgeschlagen, ebenfalls Masken daraus fertigen zu lassen“, berichtet eine Sprecherin. Jetzt nähen beim Wäschehersteller Mey 300 Näherinnen Masken. Mittlerweile melden sich zahlreiche kleinere Unternehmen, die ebenfalls Masken fertigen können. „Das ist fast schon eine Graswurzelbewegung“, kommentierte die Sprecherin gegenüber dem „Journal“. Kleine Nähereien, Gefängnisnähereien und Behindertenwerkstätten machen mit. Und trotzdem bleibt ein großer Bedarf.