LUXEMBURG
MARCO MENG

Fly Etra - das „Uber“ für Jets und Privatflüge

Der Softwareunternehmer Bastian Ringsdorf und der Luftfahrtunternehmer und Verkehrspilot Nicolas Lohn lernten sich - wie sollte es auch anders sein - im Flugzeug kennen. Die Folge: Sie gründeten nach neun Monaten Vorbereitung jüngst zusammen in Luxemburg ein Unternehmen, das einen ganz speziellen Zweck hat und von dessen Sorte es kaum welche gibt: Eine Plattform für individuelle Flüge, die mit einem Matching-Algorithmus vielleicht einmal so etwas wie das Uber für Jets und Privatflüge wird.

Im Dezember gründeten Sie Ihr Unternehmen „ETRA“?

Bastian Ringsdorf Ja, und das Unternehmen ist auch tatsächlich schon seit Anfang Dezember aktiv. Unser erster Flug, den wir anbieten konnten, ging Anfang Dezember nach Tscheljabinsk am Uralgebirge in Russland. Dies war sicher der weiteste Flug, auch konnten wir inzwischen schon einige andere, die einen Radius von bis zu tausend Kilometern hatten, anbieten und abwickeln.

Was genau bieten Sie mit ETRA an?

Ringsdorf Wir gehen mit ETRA auf „Sharing Economy“ ein, denn wir sehen einen enormen Bestand an Flugzeugen, gerade an kleineren Turbopropeller oder Leichtjets. Das sind in Deutschland und Luxemburg alleine über 8.000 Flugzeuge, die mehr oder weniger zur Verfügung stehen, aber größtenteils gar nicht genutzt werden. Das ist die Aufgabe von „ETRA“, diese europaweit miteinander zu verbinden. In Europa gibt es über 3.000 Flughäfen, darunter viele kleine Flughäfen, Flugfelder und Flugplätze. Mit ETRA greifen wir auf diesen großen Bestand an Flugzeugen, Flugplätzen und auch Piloten zu und versuchen, das ganze zu optimieren, indem wir sowohl Piloten als auch die Eigentümer der Flugzeuge ansprechen und das als Marktplatz für ganz Europa anbieten. Sie erreichen über ETRA dadurch zehnmal mehr Destinationen als Airlines anbieten.

Nicolas Lohn Hervorheben möchte ich noch, dass wir nicht nur auf Jets gehen, sondern auch Turboprop-Maschinen anbieten, wodurch wir wirklich unseren Kunden Flüge von fast überall nach fast überall anbieten können, da die Turboprops auf ganz kleinen Landebahnen landen können. Wir bieten Flüge ganz dicht an das Endziel an. Denken Sie beispielsweise an den Osten, wo viele Unternehmen aktiv sind, wo es aber nur wenige große Flughäfen gibt, die noch dazu weit verstreut voneinander sind.

Wie läuft das technisch ab?

Ringsdorf Die wichtigste Aufgabe, die wir haben, sind drei Datenbanken, die wir zur Verfügung stellen und die alle diese genannten kleinen Flugplätze in Europa, die wir angesprochen haben und die wir kennen, enthalten: Öffnungszeiten, Länge und Beschaffenheit der Landebahn, Tankmöglichkeiten, Nutzungskosten. Das nächste ist die Datenbank unserer Charter-Partner, in der festgehalten ist, welche Maschinen zur Verfügung stehen: Wo dürfen diese Maschinen fliegen, was können die, wann stehen die zur Verfügung, wann dürfen wir die nutzen und zu welchen Konditionen. Dann die dritte Datenbank: unsere Piloten. Wo sind die Piloten verfügbar und wann? Einer aus der Nähe von Berlin möchte natürlich keinen Auftrag in Leipzig annehmen, in diesem Fall sollten Flugzeug wie auch Pilot in Leipzig sein. Unser Geschäft ist also, Piloten und Maschinen zu suchen, die Flughäfen zu kennen und dann dem Kunden seinen Flugwunsch zu erfüllen. Beispiel: Wir haben Kunden, die oft in die Slowakei müssen, dorthin, wo nahe der Ukraine die Automobilindustrie der ehemaligen CSSR ist. Will man dorthin fliegen, muss man üblicherweise nach Wien und von dort die restlichen vierhundert Kilometer weiter mit dem Auto zu seinem Ziel fahren.

Das alles bewegt sich dann auch im Thema „Big Data“?

Ringsdorf Ja, indem wir die Bewegungsdaten auswerten - von wo nach wo fliegt jemand, wo besteht ein Bedarf, welche Strecken müssten wir mehr bedienen, welche Prognosen kann man für zukünftige Bewegungen abgeben… denn es geht uns darum, mit unserer Technologie die angesprochenen Datenbanken auch intelligent miteinander zu verknüpfen. Der Kunde sagt, von wo nach wo er wann will, und wir geben ihm die beste Flugmöglichkeit. Wichtig dabei ist: Wir erbringen hierbei eine Verbindlichkeitsdienstleistung, abgesehen von höheren Umständen wie Wetterkapriolen klappt der Flug wie vorgeschlagen. Sie möchten am Freitag von Saarbrücken nach Biarritz; dann sagen wir, das geht zu dem und dem Preis mit der Maschine, und Sie können noch so und so viele Personen mitnehmen.

Lohn Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter, denn wenn Sie es ganz eilig hätten oder die Flugfelder weiter weg von Ihrem Endziel sind, können wir auch Helikopterflüge anbieten, also in diesem Fall sie sogar vor Ihrem Büro beispielsweise abholen und auch genau auf der Wiese vor dem Büro, zu dem Sie müssen, aussetzen. Das ist aber dann eher die Ausnahme, da wir sie eh schon so nah an Ihr Ziel mit dem Flugzeug bringen, wie es überhaupt nur geht.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Ringsdorf Ich bin Softwareunternehmer und habe viele Projekte im Ausland, wobei ich feststellte, dass die Kunden oft eben nicht in den großen Städten sind, wo man leicht hinfliegen kann, sondern vielleicht in Bratislava oder Biarritz, um nur zwei Beispiele zu nennen. Ich selbst stellte dann fest, dass eine Reise mit dem Auto kaum kalkulierbar ist, weil man oft im Stau steht, während die großen Airlines nur die großen Hubs anfliegen.

Lohn Ein durchschnittlicher Flugzeugeigentümer fliegt im Jahr etwa 200 Stunden, das sind weniger als 17 Stunden im Monat. Den Rest der Zeit steht die Maschine ungenutzt da. Wollt ihr nicht Eure Flugzeug während der Zeit, in der ihr sie nicht braucht, gewinnbringend einsetzen, fragten wir darum Flugzeugbesitzer, ob privat oder Unternehmen. So haben wir bereits einige Kooperationspartner gewonnen. Wir haben auch den Markt analysiert und alle Starts und Landungen in Europa ausgewertet, dabei stellten wir fest, dass 7,5 Prozent davon Geschäftsflüge waren. Dieser Anteil ist vergleichsweise gering, warum? Weil Business Aviation momentan noch recht teuer ist. Wir glauben, wenn man die kleinen Maschinen und Flughäfen intelligent miteinander vernetzt, können wir auch die Preise auf ein faires Niveau bringen, wodurch wir den Anteil der Geschäftsflüge auf nahezu 15 bis 20 Prozent in den nächsten Jahren bringen können. Der Flughafen Bozen in Norditalien wird von keiner Airline mehr angeflogen, den Flughafen bedienen wir beispielsweise von Egelsbach bei Frankfurt aus für drei Personen für 580 Euro pro Person hin und zurück - ein individueller Flug, der sich genau nach Ihrem Terminplan richtet. Wir bieten also keine festen Strecken, sondern greifen auf ein Netz von Flugzeugen, Flugplätzen und Piloten zurück: Ein Mehrwert für Flugreisende, Piloten und Flugzeugeigentümer.

Ringsdorf Jetzt sind wir dabei, Apps zu kreieren und richtig noch in Technologien und Servicekompetenz zu investieren. Als nächstes wollen wir dann Tourismusverbände ansprechen, um neben Business Aviation auch Individualtourismus anzubieten.

www.flyetra.com