PASCAL STEINWACHS

Wir wissen nicht, ob Jean-Claude Juncker in seinen jüngeren Jahren Zeit und Muße hatte, auch mal ins Kino zu gehen oder - nach dem Flippern - abends zu fernsehen, aber von „Mad Max“, dem australischen Endzeithelden, wird er bestimmt schon mal gehört haben. Und in „Jenseits der Donnerkuppel“, dem dritten Teil dieser erfolgreichen Fortsetzungsserie, gibt es zwei Filmcharaktere namens „Master“ und „Blaster“, die als „Master Blaster“ zusammen eine Einheit bilden, und - der Hüne „Blaster“ trägt den kleinwüchsigen „Master“ auf dem Rücken - ohne den anderen nicht existieren können.

Genau diese Kinofigur kommt einem nämlich bei der aktuellen Selmayr-Affäre in den Sinn, wo es ja auch um zwei Männer geht - EU-Kommissionschef Juncker und sein ehemaliger Kabinettschef Martin Selmayr, der Ende Februar im Blitzverfahren erst zum stellvertretenden Generalsekretär, und wenige Minuten später zum Generalsekretär und damit zum höchsten Beamten der EU-Kommission befördert wurde -, die zusammen eine Einheit bilden. Die „Süddeutsche Zeitung“ ist dann auch der Meinung, dass „die beiden nur zusammen“ funktionieren, wobei Juncker der Mann mit der Erfahrung, dem Netzwerk und dem politischen Instinkt, und der Deutsche Selmayr Organisator, Exekutor und Stratege sei.

Böse Zungen behaupten ja schon seit längerem, dass es eigentlich Selmayr sei, der in der EU-Kommission die Hosen anhabe, und Juncker nur so eine Art Marionette sei, was aber natürlich Blödsinn ist, sind beide doch ausgeprägte Machtmenschen mit einem nicht weniger ausgeprägten Hang zur Arroganz. Vielmehr ist Selmayr Juncker von Nutzen: er hält ihm den Rücken frei; und Juncker Selmayr: er brachte es vom Kabinettschef der früheren EU-Kommissarin Viviane Reding zum engsten Vertrauten von Juncker zum höchsten Beamten der EU-Kommission.

Dass der EU-Kommissionschef jetzt seine politische Zukunft mit der für ihn üblichen Chuzpe mit derjenigen vom Selmayr verknüpft hat - „wenn er geht, gehe ich auch“ -, lässt indes tief blicken, benimmt sich Juncker doch, so wie er das in Luxemburg gewöhnt war, auch in Brüssel noch immer wie ein verwöhnter Schuljunge, der sich allen anderen Mitschülern überlegen fühlt. Die Europaabgeordneten, die am Mittwoch über die peinliche Blitzbeförderung Selmayrs abstimmten, ließen es dann auch lieber nicht darauf ankommen und beließen es bei einer Rüge, die es jedoch in sich hat. So könnte die Art der Berufung Selmayrs „als putschartige Aktion gesehen werden, die die Grenzen des Rechts dehnt oder sogar überdehnt“, wie es in einer Resolution in aller Deutlichkeit heißt. Der Ruf der europäischen Institutionen dürfte hiermit jedenfalls eindeutig einen weiteren Schaden erlitten haben.

Hätte das Europaparlament jedoch Selmayrs Rücktritt gefordert - und ein diesbezüglicher Änderungsantrag zur Verschärfung der Resolution lag vor -, dann hätte das die Europäische Union, der es im Moment ja sowieso nicht gerade gut geht, weiter destabilisiert. Solange Europa sich aber mal wieder allzu sehr mit sich selbst beschäftigt, solange hängen die angestrebten EU-Reformpläne in der Warteschleife...