LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über schrumpfende Perspektiven und Zukunftsängste

Was macht ein Absolvent der Geisteswissenschaften nach seinem Studium? Die gängige Scherzantwort: Taxifahrer. Oder: „am Noutfall Prof“. Noch vor zwei, drei Jahren konnte ich ganz gut mit dieser Frage umgehen. Meist wies ich darauf hin, dass es doch noch so viele Berufe gäbe, an die spontan keiner denken würde. Bekanntlich landeten wir eh nie dort, wo wir uns ursprünglich gesehen hätten. Dieser Gedanke überzeugte.

Heute sehe ich das etwas anders. Wer darauf wartet, über seinen Traumjob zu stolpern, dessen Gedanken sind in etwa so illusorisch wie die eines „Romantikers“, der darauf vertraut, dass er eines Tages im Supermarkt seinen Einkaufswagen „versehentlich“ in den seines Seelenverwandten rammt, woraufhin sich beide augenblicklich und unsterblich ineinander verlieben.

Das Problematische daran ist, dass sich leider selten etwas von allein ergibt. Ich glaube nicht an eine schicksalhafte Vorherbestimmung. Es reicht nicht aus, passiv zu warten, dass der Zug, in den man sich gesetzt hat, irgendwo ankommt. Gut, irgendwo ankommen wird er wohl, aber womöglich nicht dort, wo man möchte. Ich auf jeden Fall werde versuchen zu lenken, was sich lenken lässt, und dafür muss man greifbare Ziele vor Augen haben. Wer seinen Traumjob sucht, der muss konkrete Vorstellungen davon haben, wie dieser zu sein hat, damit er ihn auch erkennt, wenn er einmal da ist. Nicht, dass er noch vergisst, aus dem Zug wieder auszusteigen. Aber genug der Metaphorik.

Tertium non datur

Aktuell habe ich das Gefühl, mich vor einer Weggabelung zu befinden, und wenn ich beide Pfade in Gedanken verfolge, stelle ich fest, dass es sich um ein Dilemma handelt (ich weiß, das war schon wieder eine Metapher).

Option 1: Ich versuche, meine Kreativität und meine Leidenschaft – in meinem Fall für Literatur und Kultur – im Beruf auszuleben. Das klingt erfüllend, ist es mit Sicherheit auch. Wäre da nicht die mahnende Stimme, die mir sagt, dass das Leben leider ein teurer Spaß ist. Und damit meine ich nicht nur Kosten, die für Waren und Aktivitäten des Vergnügens entstehen, sondern auch grundlegende Ausgaben wie Versicherung, Wasser- und Stromkosten, Nahrungsmittel, Miete und so weiter. Nun kann ich mir sagen, dass Geld mir nicht wichtig ist. Ich verlange nicht viel, bin kein Modefanatiker, ich kann auf Urlaub auf den Malediven und all sonstigen Luxus verzichten. Doch dass die obengenannten Dinge eben nichts damit zu tun haben in floribus zu leben, da dürften wir uns einig sein. Und dass es in Luxemburg schwierig ist, diese Kosten zu decken, ebenfalls. Vielleicht hat es ja letztlich nichts mit schlechtem Willen zu tun, wenn man diese Option für sich nicht wählen kann.

Mir bleibt dann doch nur das hoffnungsvolle Warten. Nicht auf den Mann mit dem Einkaufswagen – es sei denn, er ist reich –, sondern auf irgendeinen mysteriösen, mir bisher unbekannten und plötzlich von dannen scheidenden Verwandten, der mir ganz viel Geld vererbt. Oder auf meinen „Sugardaddy“. Oder darauf, dass ich Geld in der Lotterie gewinne. Damit ich es mir „leisten“ kann, mich nach dem Studium selbstständig zu machen. Oder für den qualifizierten Mindestlohn für einen privaten Arbeitgeber zu arbeiten, optional mit der Voretappe eines ein- bis zweijährigen Volontariates, das, zumindest in Deutschland, nicht rechtlich definiert ist und deshalb nicht unter das Mindestlohngesetz fällt, weshalb es unter Umständen überhaupt nicht vergütet wird.

„Am Noutfall Prof“?

Option 2: Auf einmal erinnert man sich an seine ehemaligen Lehrer in der Schule, die einem auf die Frage, was man mit Germanistik anfangen könne: „Däitschprof“ geantwortet, was mit Bio: „Biosprof“ und was mit Physik: „Physiksprof“ geantwortet haben. Beinahe so drastisch sieht man seine Perspektiven auf einmal schrumpfen, wenn man sich eine (autonome) Existenz aufbauen will.

Ich finde es ungerecht, beispielsweise unseren Autoren vorzuwerfen, dass sie sich für die Tätigkeit in einem Staatsbetrieb entschieden haben. Denn dieser Vorwurf bewegt sich an der Realität vorbei. Auch wenn wir sicherlich viele erstklassige und engagierte Lehrer unter jenen haben, die in ihrer Freizeit im Literaturbetrieb tätig sind, so muss man doch zumindest in Betracht ziehen, dass manche von ihnen gerne hauptberuflich als Schriftsteller, Kritiker, Lektor oder Verleger gearbeitet hätten und der Lehrerjob für sie zwar keine Notlösung, aber auch nicht die erste Wahl ist, die sie aus tiefstem Herzen getroffen haben.

Diskussionsbedarf

Nun mag es sein, dass Option 2 zum persönlichen Glück und zur Erfüllung führt. Es gibt spannende und reizvolle Möglichkeiten, für den Staat tätig zu sein – wenn es auch manchmal schwierig ist, eine Stelle zu ergattern, aber das ist wieder ein anderes Thema.

Worauf es mir ankommt, sind folgende Überlegungen: Welchen Stellenwert haben Geisteswissenschaftler und Künstler eigentlich in unserer Gesellschaft? Werden ihnen wirklich die nötige Anerkennung und der angemessene finanzielle Lohn für ihren Einsatz entgegengebracht? Wie kommt es, dass angehende Studienabsolventen, und das ist so, wenn ich mich bei Mitstudierenden umhöre, unter Existenz- beziehungsweise Zukunftsängsten leiden? Und wie steht es um unsere Chancengleichheit? Ist man in der eigenen Lebensgestaltung angesichts der großen Rolle, die dem Beruf hierbei zukommt, wirklich frei oder doch von Faktoren abhängig, die man nicht oder kaum beeinflussen kann?