LUXEMBURG
PIERRE WELTER

Angeklagter Pfarrer sagt im Vergewaltigungsprozess aus

Im November 2008 soll der 59-jährige Pfarrer aus Belair, Emile A., einen 13-jährigen Ministranten in Taizé (Frankreich) vergewaltigt haben. Das Opfer hatte den Pfarrer 2014 wegen Vergewaltigung angezeigt.

Auch am Freitagmorgen verfolgte eine stattliche Zuschauermenge den Prozess, darunter einige Anhänger des Pfarrers. Die Zeugenaussagen tendierten deutlich zur Sympathie des Pfarrers. Laut ihnen gehört der Priester zu jener Sorte Menschen, die sich jeder Kleinigkeit annehmen.

Eine Zeugin ist Psychologin. Auf die Frage von Maître Albert Rodesch, ob sie nicht der Ansicht sei, dass das 13-jährige Opfer in Taizé geschändet wurde, antwortete sie: „Das Opfer hatte schon vorher Probleme gehabt. Seine Probleme haben nicht mit 13 Jahren angefangen.“ Sie glaube dem Pfarrer. Sie wäre auch nach dem Vorfall bereit, dem Pfarrer ihren Sohn weiter anzuvertrauen.

Kommentar

Ein Problem des Systems

Die Katholische Kirche und der Missbrauch. Seit Jahrzehnten kommen Fälle ans Licht, in denen sich Priester an Jungen vergangen haben. Praktisch in jedem Land, in dem die Kirche vertreten ist. Man muss nur einmal den deutschen Wikipedia-Eintrag zu dem Thema aufrufen. Er ist 103 A4-Seiten lang. Nun also wieder Luxemburg. Und auch jetzt folgt das Verhalten des mutmaßlichen Täters dem üblichen Schema: schweigen, verdrängen, verleumden. Der Pfarrer aus Belair, Emile A., implizierte am Freitag vor Gericht, er sei damals von dem 13-jährigen Ministranten verführt worden. Der 59-Jährige sei also praktisch selbst das Opfer. Er habe sich nicht wehren können - heißt: nicht wehren wollen. Und das ist nur die Version, die er zuzugeben bereit ist. Vielleicht noch schockierender ist, wie viele Gemeindemitglieder, Geistliche und Zeugen betonen, was für ein guter Mensch der Pfarrer doch sei. Ein ehemaliger Professor des Angeklagten verharmlost es gar soweit, dass A. sich nur „einmal“ vergessen habe. Wieder soll es nur ein Einzelfall sein. Wenn überhaupt. Dass auch in Luxemburg Missbrauch in der Katholischen Kirche System hat, wurde im Missbrauchsskandal 2010 deutlich, als sich bei einer Hotline mehr als 100 Menschen meldeten, die sexuelle Misshandlungen und sexuellen Missbrauch in Strukturen der Katholischen Kirche erlebt haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelte damals großflächig, doch die Fälle lagen Jahrzehnte zurück, waren verjährt. Die Kirche entschuldigte sich. Doch das System ist geblieben. (Jan Söfjer)

Am Freitag konnte der Priester seine Sicht der Dinge darlegen. Er sei durch die Sache völlig aus seiner Welt herausgerissen worden, sagt der Pfarrer zu Beginn. Als im November 2014 aufkam, dass er das dabei aufgebaute Vertrauen bei dem Jungen für seine sexuellen Triebe genutzt haben soll, habe er zunächst den Eindruck gehabt, eine Welt würde zusammenbrechen. Der Pfarrer behauptet, den 14-Jährigen nicht zum Sex gezwungen zu haben. Die Initiative sei von dem Jungen ausgegangen. Der Pfarrer sprach von obszönen Andeutungen im Vorfeld. Auf die Frage, warum der Junge zusammen mit ihm im Zimmer in Taizé übernachten musste, sagt er: „Es war leider kein Einzelzimmer frei.“

Nach dem Abendessen seien sie auf das Zimmer gegangen. Im Zimmer sei der nackte Junge aus der Dusche gekommen und hätte eine Erektion gehabt. Es wäre dann zur Masturbation gekommen. „Mehr nicht“, sagt der Pfarrer. Er würde sich das bis heute nicht verzeihen können. Es handele sich um keine Vergewaltigung, sondern um einvernehmliche Masturbation zwischen ihm und dem Jungen: „Et war nët meng victime an ech war nët seng Victime.“ Auf die Frage der Richterin, warum er überhaupt so weit gegangen sei und das nicht unterbunden habe, sagte der Pfarrer, seine Vernunft habe ausgesetzt und er habe sich nicht wehren können. Dann hätten sie geschlafen. Am zweiten Tag wäre dasselbe von neuem passiert.

Beim Untersuchungsrichter hatte der Pfarrer allerdings zugegeben, dass er auch Oralverkehr mit dem Jungen hatte. In der polizeilichen Vernehmung quälten ihn jedoch Erinnerungslücken. Er sagte: „Ich weiß nicht, ich habe diese Episode ausgeblendet.“ Vor Gericht bestritt der Pfarrer den Oralverkehr mit dem Argument, dass er am Tag seiner Vernehmung total verstört gewesen sei. Er sei ängstlich gewesen, weil er eine Nacht in Untersuchungshaft war.

2013 sei der Junge noch einmal bei ihm aufgetaucht und sei sehr aufgebracht gewesen. Beim Gespräch hätte er ihm dann mit einer Anzeige gedroht. Jedenfalls war es für ihn zu diesem Moment undenkbar, über alle diese Probleme offen zu reden.

Der Angeklagte hätte 2013 die Eltern und das Opfer um Verzeihung gebeten. Der Anwalt der Nebenklage sieht das allerdings anders. Für seinen Mandanten sei es „schwer zu verarbeiten“, dass „bis heute keinerlei Entschuldigung erfolgt“ sei. Dann entschuldigte sich der Angeklagte formell bei seinem Opfer. Der Prozess wird am Dienstag mit den Plädoyers fortgesetzt.