LUXEMBURGCORDELIA CHATON

Besuch bei Hugues Delcourt, seit neun Monaten Chef der „Banque Internationale à Luxembourg“

Hugues Delcourt hat sein Büro im obersten Stock der „Banque Internationale à Luxemburg“ (BIL). Hier sind die Flure breiter, der graue Teppich langfloriger, die Bilder an der Wand wertvoller. Im Büro gibt es freundliche Farben, rotes Leder für das Sofa, viel Platz und eine Dachterrasse. „Ich habe nichts verändert“, sagt Delcourt.

Seit Oktober 2014 ist er Vorstandsvorsitzender von Luxemburgs ältester Bank. Die Headhunter von Egon Zehnder hatten ihn in Asien aufgespürt, einen internationalen Banker, geschliffen an HEC und INSEAD und erstaunlich vieler Sprachen mächtig. Luxemburgisch lernt er gerade. Seine Frau ist Koreanerin. „Ich habe Chinesisch gelernt und es mit Koreanisch versucht. Aber das ist wirklich schwer“, seufzt er, nicht allzu resigniert.

Delcourt hat eine internationale Karriere hinter sich: 25 Jahre, unter anderem bei ABM-AMRO, UBS, Fortis-BGL, Crédit Agricole Indosuez, davon 17 Jahre in Asien. Was hat ihn nach Luxemburg gelockt? „Hier bin ich nicht Teil einer großen Gruppe, sondern führe eine unabhängige Bank“, sagt er.

Die Frage ist auch, wie lange er bleibt. Wenn man dem Franzosen glaubt, ist Luxemburg für Delcourt mehr als nur eine Karrierestation. Es ist ein Ort, der in seiner Vita immer wieder auftaucht.

Für ABM Amro war er schon hier von 2004 bis 2006 und für die UBS von 2008 bis 2011. Aus dieser Zeit hat er ein Appartement, in dem er jetzt wohnt. Seine zwei 15 und 17 Jahre alten Töchter werden in der Sommerpause mit ihrer Mutter hierher ziehen.

Viele am Finanzplatz sehen nicht in ihm den Chef, sondern in George Nasra, dem Repräsentanten des katarischen Aktionärs, der immerhin 90 Prozent an der BIL hält. Die anderen zehn gehören dem Staat.

Nasra ist offiziell nicht so wichtig. Er ist nicht Präsident des Verwaltungsrates. Dazu wurde François Pauly berufen, der die BIL als Chef aus der Krise führte. Eigentlich ist Pauly, Luxemburger aus sehr wohlhabender Familie, zu jung für einen solchen Posten. Und eigentlich ist Nasra zu mächtig, um nur die zweite Geige zu spielen.

Einfluss des Hauptaktionäres

Aber wie wenig Einfluss hat der Repräsentant des 90-Prozent-Eigentümers? Und warum spricht er nie mit der Presse? Delcourt findet solche Gedankenspiele nicht korrekt. „Wie stehe ich denn da? Ich bin schließlich der Vorstandsvorsitzende und trage die Verantwortung. George Nasra will eben diskret bleiben. Für ihn steht die Bank im Vordergrund“, sagt er leicht empört.

Das Problem, für das er nichts kann, ist der ganze Ballast, den die BIL mit sich herumschleppt. Als Bank für Staatsanleihen und Industrie wurde sie nach 1856 groß. Sie finanzierte Eisenbahnen und die Stahlindustrie. In den 90er Jahren kam es zu Fusionen, 2000 wurde die BIL Teil der Dexia BIL, die sich auf verschuldete Kommunen in Frankreich und Belgien spezialisiert hatte. Das wurde der luxemburgischen Niederlassung zum Verhängnis. Die Finanzkrise 2008 traf sie mit voller Wucht. Entscheidungen zur BIL fielen in Brüssel und Paris, wo Luxemburg gern verlacht wurde. Aber die Bank beschäftigt über 2.000 Menschen im Land, die um ihre Zukunft fürchteten. Die Politik griff schließlich ein. Der ehemalige Finanzminister Luc Frieden suchte einen Käufer. Die Kataris waren da. Sie erwarben über eine in Luxemburg gegründete Gesellschaft namens Precision Capital 90 Prozent von der BIL und 100 Prozent von der KBL. Damit war am Finanzplatz klar: Wer sie repräsentiert, hat etwas zu sagen. Wenn Delcourt dort ist, wo er sitzt, auf dem roten Ledersofa, dann wollten die Kataris das so.

„Ich habe mit George Nasra und François Pauly regelmäßig Austausch. Natürlich hat der Aktionär Einfluss auf die Strategie. Aber wir haben keine großen Differenzen. Wichtig ist es, eine starke Bank in Luxemburg zu bauen.“

Dass die Kataris nur kurz in die BIL investieren wollen, glaubt er nicht. „Sonst wäre ich nicht gekommen. Wir wollen die Bank entwickeln. Das Commitment der Kataris ist stark.“ Wie lange will er selbst bleiben? „Das ist offen. Ich bin da, um den Job zu machen, so lange man mit mir zufrieden ist.“

Wie will er arbeiten? Delcourt schlägt die Beine übereinander. Er ist entspannter im persönlichen Gespräch als in Pressekonferenzen. „Die Bank sollte fokussierter werden. Wir können nicht alles für alle machen.“ Vier Bereiche will er ausbauen; Leute, Finanzmärkte, das Kundengeschäft, das Unternehmensgeschäft. Er will zu einer Privatbank für Menschen werden, die nicht unbedingt hier wohnen, eine Art Expat-Bank für Leute wie ihn, die der Karriere wegen ein paar hundert oder tausend Kilometer weiter ziehen. „Sie brauchen heute keinen Kundenberater mehr vor Ort“, sagt er. Jedoch benötigte man auch kritische Masse, also genug Geschäft, damit sich eine Niederlassung lohnt. Das sind für ihn mindestens 15 bis 20 Milliarden Euro verwaltetes Vermögen.

In Singapur hatte seine Bank weniger als 200 Millionen Euro, die UBS dagegen 230 Milliarden Euro. „Asien ist interessant“, sagt Delcourt, „aber die 15 Milliarden konnten wir nicht erreichen.“ Also hat er Singapur geschlossen und setzt auf die Schweiz.

Investitionen geplant

Investieren will er auch, in ein neues Informatik-System, in Mitarbeiter. Die Kommunikation wird ausgebaut und einen Nachfolger für den ehemaligen Chef des Filialnetzes, Christian Strasser, soll es auch bald geben. Geld sei genug da. „Wir sind sehr gut kapitalisiert mit 17 Prozent.“ Das wirkt fast merkwürdig für eine Bank, die kurz vor dem Aus stand. Die Kataris kauften 2012 die BIL nur unter der Bedingung, dass faule Kredite draußen blieben. Dafür zahlte letztlich der luxemburgische Steuerzahler. 2014 wurde erstmals eine Dividende gezahlt. „Vorher gab es einen Gewinn-Stopper durch Hybrid-Produkte“, erklärt Delcourt. Das klingt schon verständlicher als das, was auf der letzten Konferenz nicht gesagt wurde.

Der schlanke Mann mit den blauen Augen hält sich fit für den Job. Am Sonntag war er um sieben Uhr auf den Beinen.

Erst Squash, dann ein von der Bank gesponsertes Reitturnier und schließlich noch ein Tennis-Match. Immer hart am Ball. Ob er einen Mentor hat?

Delcourt hält inne. Soll er den verbalen Aufschlag annehmen? Schnell wägt er ab und kontert mit einer jener Fragen, die möglichst nichts über einen selbst verraten und die eigene Unsicherheit überspielen sollen: „Brauche ich einen?“ Aber es gibt eben Fragen, auf die es keine richtige oder falsche Antwort gibt. Tatsache ist: Delcourt hat keinen Mentor. Aber er gibt keinen Ball verloren.