LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Tony Craggs skulpturales Universum im Mudam

Tony Cragg ist nicht nur ein ungemein produktiver und vielseitiger Künstler, sondern noch dazu geradezu materialversessen, wenn nicht sogar -besessen. Unschwer erkennt man dies, wenn man durch sein skulpturales Universum im Mudam streift, und deutlicher noch, wenn man ihm zuhört. In einem Interview hat er sich selbst als „richtiger Hardcore-Materialist“ beschrieben.

In seinem Werk setzt sich der bildende Künstler, der ursprünglich aus Liverpool stammt und nun in Wuppertal lebt, mit Fragen zu Form und Material auseinander. Jedes nur erdenkbare Material hat er während seiner künstlerischen Laufbahn bereits verwendet, anfangs eher Plastik- und Holzabfälle, Baumaterialien, Flaschen und mechanische Elemente, später dann auch neuere Materien wie Fiberglas oder Kevlar. Seine Skulpturen wurden immer komplexer, je mehr er sich mit dem Material und seiner Energie sowie der inneren Dynamik eines Werks befasste.

Träger von Sinn, Ideen und Emotionen

„Skulpturen in diesem Museum mit seinen großräumigen, lichtdurchfluteten Flächen so zu platzieren, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlen, ist gar nicht so leicht“, stellt Tony Cragg fest, als er im „Grand Hall“, im Erdgeschoss des Mudam dazu ansetzt, Erklärungen zu drei seiner dort aufgestellten imposanten Werke zu geben. Die für die Ausstellungen ausgewählten Skulpturen hat er im Hinblick auf die Gegebenheiten vor Ort ausgewählt. Die drei blauen elliptischen Säulen aus Holz - „Points of View“ heißt das Werk aus dem Jahr 2015 - sind jedenfalls gleich ein ganz besonderer Blickfang. Fast könnte man meinen, die Säulen wären aus einem Baumstamm geschnitzt, was der Künstler aber sofort mit einem bestimmten Kopfschütteln verneint. „Ich hasse es, mit Bäumen zu arbeiten, das wäre, als würde man mit einem toten Körper arbeiten. Meistens benutze ich Material, das vom Menschen selbst hergestellt wurde, zum Beispiel Bronze, weil es ein künstliches Material ist, oder Glas. Auch Plastik ist ein fantastisches Material“. Diese Materialien seien für ihn Träger von Sinn, Ideen und Emotionen. „Für ,Points of View‘ habe ich Sperrholz verwendet, Ellipsen herausgeschnitten und diese dann Schicht für Schicht aufeinander gestapelt, sodass schließlich eine äußerst fließende Form entstanden ist. Im Innern befindet sich viel Stahl“, erklärt er. „Alles in der Welt hat eine konkrete Struktur, ohne Geometrie könnte nichts existieren“, fügt er hinzu.

Wenngleich man in seinen Skulpturen durchaus figurative Elemente entdeckt -insbesondere in früheren Werken -, faszinieren ihn doch eher abstraktere Formen. In seinen rezenten Arbeiten wird dies besonders deutlich. Sofern es geht, verzichtet Cragg indes weitestgehend auf die Möglichkeiten, die neue Technologien bieten, wie er erläutert: „Sie sind sehr gute und nützliche Werkzeuge, ich will Dinge aber nicht am Computer erzeugen. Was ich will, ist eine subjektive und direkte Antwort des Materials. Ich lese das Material“.

Keine Zufallsprodukte

Craggs Skulpturen haben in gewisser Weise alle ein Innenleben. Dieses bildet nämlich die Basis seiner künstlerischen Arbeit, wie er unterstricht: „Diese innere Konstruktion ist sehr wichtig. Ich schmeiße nicht einfach mit Material umher und überlasse alles dem Zufall. Ich habe immer eine Idee einer inneren Struktur. Davon ausgehend, beziehungsweise darauf aufbauend entwickle ich die äußere Haut, bis die Arbeit als Ganzes eine emotionale Qualität annimmt. Figuren zu kopieren, hat mich nie gereizt“.

Viele Betrachter würden Skulpturen immer noch mit reiner Handarbeit assoziieren. „Das ist aber längst nicht immer der Fall, viele Künstler haben nur die Idee, fertigen ein Modell an und lassen das Ganze dann von Assistenten umsetzen. Für mich funktioniert das nicht. Ich habe eine andere Einstellung. Ich bin kein Konzeptkünstler, bei mir ist es eine wirkliche Glaubenssache: Wenn man selbst direkt mit dem Material arbeitet und sich intensiv damit beschäftigt, schafft man es, neue Formen zu entwickeln, die viel interessanter und ausdrucksstärker sind, als die Idee, die man anfangs im Sinn hatte. Das ist Kreation, das ist die Basis jedes kreativen Akts“, verdeutlicht er.

Tony Craggs Universum kann noch bis zum 3. September im Mudam entdeckt werden. Weitere Infos unter www.mudam.lu