CANNES
CLAUS REHNIG

Premiere von Barbet Schroeders „Amnesia“ in Cannes

Amnesia“, in einer Sondervorführung außerhalb des Wettbewerbs gezeigt, war sicher ein Sonderfall auf diesem Festival und nicht nur weil der Regisseur Barbet Schroeder heißt. Seit fast einem halben Jahrhundert gilt der in Teheran geborene Regisseur in den Köpfen der Leute des Filmbusiness als Luxemburger. „J’ai fait mon premier film ‚More‘, bien qu’il ne se passe pas au Luxembourg, avec la nationalité luxembourgeoise, parce que s’il avait éte français, il aurait été interdit à l’exportation“, sagte Barbet Schroeder dem „Journal“. Heute ein Kultfilm, ist „More“, eine luxemburgische Koproduktion, ein Meilenstein in einem Werk, das so verschiedene Filme wie „Koko le gorille qui parle“, „Général Idi Amin Dada“ oder „Barfly“ mit Mickey Rourke und Faye Dunaway umfasst.

Film über das Ungesagte

„Amnesia“ erzählt die Freundschaft eines jungen deutschen Musikers, der zur Zeit des Mauerfalls nach Ibiza kommt, und einer Frau die dort seit langem lebt und von der man nach und nach erfährt, dass sie aus Deutschland emigrierte. Barbet Schroeder drehte in derselben Villa seiner Mutter wie schon „More“ mit einem äußerst geringen Budget und die Parallelen machen da nicht halt. Die von Marthe Keller gespielte Frau, die nicht deutsch sprechen will, ähnelt seiner Mutter, die ihm als Kind Deutsch als Muttersprache verwehrte. Ein Film über das Ungesagte, schwer Aussprechbare, der sich langsam an die Wahrheit der Protagonistin heran arbeitet, sehr langsam, wie auch Schroeder zustimmt: „Très doucement, c’est petit à petit une pièce de puzzle après l’autre et il y a aucune chose gratuite; ça a l’air de rien, ça a l’air de la vie qui coule et ça a pris trois ans de travail pour faire ce petit puzzle.“

Reise zum Thema

Ein sehr persönlicher Film des Regisseurs über Deutschland, deutsche Vergangenheit und, wie in den deutschen Bildungsromanen, macht man eine Reise und kommt schließlich zum eigentlichen Thema von „Amnesia“, der sicher einmal zu einem Anthologiestück werden könnte, wie man ganz dezent Vergangenheit zeigen kann und welche Spuren sie in den Individuen hinterlässt.

Der deutsche Schauspieler Max Riemelt, der den Musiker und Discjockey spielt, hatte große Freude an seiner Arbeit. „Spielen für Barbet Schroeder, auch auf Ibiza zu drehen, das hat mich am meisten motiviert und letztendlich finde ich auch ganz toll, was Barbet daraus gemacht hat und was der Film für eine Dimension, was er für eine Tiefe hat. Auch die subtile Liebesgeschichte, dass man auf diese Art eine Freundschaft erzählt, dass die Mauern brechen.“

Was er auch anpackt, man ist von dem Wanderer zwischen den Welten, der Barbet Schroeder nun einmal ist, gewöhnt, dass er eine außergewöhnliche Arbeit vorlegt. Diesmal hat er auch noch eine persönliche Dimension dazugelegt.