NIC. DICKEN

Mit einer für Kleinkinder typischen störrischen Beharrlichkeit hat der Chefmaurer aus Washington vor etwa zwei Wochen durchgesetzt, dass er doch Geld bekommt für seinen großen Mauerbau an der Grenze zu Mexiko, auch wenn er dafür die Finanzreserven des Verteidigungsministeriums, mit höchstrichterlicher Bestätigung bitteschön, anzapfen musste.

Was sollen „Richter“ auch anders tun, als dem „Vorgesetzten“, dem sie letztendlich, um den Preis ihrer verfassungsmäßig garantierten Gunst, ihren gut besoldeten Posten verdanken, zu Willen zu sein? Mit richtig verstandener Rechtsstaatlichkeit hat das alles zwar nur herzlich wenig zu tun, aber entsprechende Vorwürfe richtet man diesbezüglich ja mit Vorliebe gegen Ankara und Moskau, nicht aber gegen die Festung am Potomac und deren dubiosen Burgherren.

Mindestens zwanzig Menschenleben kostete am vergangenen Samstagabend ein Attentat in El Paso, einer Grenzstadt zu Mexiko im südwestlichen US-Bundesstaat Texas. Zu verantworten hat das Massaker ersten Erkenntnissen zufolge jedoch nicht etwa eine kriminelle Bande illegaler Einwanderer aus einem der mittelamerikanischen Bananenstaaten - warum eigentlich werden nicht auch in weiten Teilen der USA diese exotischen Früchte angebaut? - , sondern einem offenbar rassistisch orientierten und motivierten Wirrkopf, der seine Lizenz zum zigfachen Töten einer immer noch tonangebenden NRA (National Rifle Association) zu verdanken hat. Mit beängstigender, ja verstörender Regelmäßigkeit erfolgen in den USA an öffentlichen Plätzen, in viel besuchten Einkaufszentren, auf Schulgebieten und in dicht besiedelten Wohnvierteln mörderische Massaker, denen immer wieder scharenweise unschuldige Menschen zum Opfer fallen. Urheber sind fast ausschließlich sendungsbewusste US-Bürger, die „ihr“ Territorium entweder gegen andere Bevölkerungsgruppen verteidigen zu müssen glauben, oder die sich berufen fühlen, sich wegen ungerechtfertigt erlittener Schmach an der Gesellschaft rächen zu müssen. Das nur kurze Zeit nach den Vorfällen in El Paso gemeldete Attentat im US-Staat Ohio bestätigt den zur Gewohnheit gewordenen Missstand.

Mauern waren selbst in technisch weniger entwickelten Zeiten kein dauerhafter Schutz, weder gegen Eindringlinge noch gegen Ausbrecher.

Die schlimmsten Mauern der Neuzeit sind wahrscheinlich die, die in den Köpfen jener bestehen, die sich der Realität einer offenen Welt und den Ansprüchen oder Wünschen ihrer Mitmenschen nicht stellen mögen. Mehr Sicherheit oder allgemein bessere Lebensverhältnisse, sei es auch nur für eine begrenzte Zahl von Menschen, werden Mauern niemals schaffen können.

Wenn also der mit dem Baufach bestens vertraute Donald Trump weiterhin seinen Mauermörtel anrührt, dann sollte er dabei nicht aus den Augen verlieren, dass seine Mauer an der Grenze zu Mexiko so gebaut wird, dass sie zumindest von der nördlichen Seite her möglichst unüberwindbar erscheint. Schließlich müssen Mexikaner eher vor schießwütigen Amerikanern geschützt werden als die Amerikaner vor armen, hilfsbedürftigen Latinos.