NORA SCHLEICH

Medienwissenschaften gibt es mittlerweile zahlreiche, und Begriffe wie Mediensoziologie, -pädagogik oder -psychologie haben sich bereits nahtlos in das szientistische Gefilde eingegliedert. Das breite Angebot der Universitäten in Sachen medienwissenschaftlich ausgerichteter Studienprogramme bestätigt, dass sich die akademische Auseinandersetzung mit ‚Medien‘ schon längst etabliert hat. Doch kann es auch eine Medienphilosophie geben?

Welchen Gegenstand diese philosophische Sparte behandeln, und was ihr Zweck und Ziel sein könnte, beleuchtet Lambert Wiesing in seinem Bericht „Was ist Medienphilosophie?“. Einige der interessantesten Perspektiven auf eine mögliche Medienphilosophie würde ich Ihnen gerne in vorliegendem Artikel vorstellen, nicht zuletzt um Ihnen die ursprüngliche Problematik um die Frage, ob es eine solche Philosophie überhaupt gibt oder geben kann, verständlich zu machen.

Was wird von der Medienphilosophie untersucht? Bereits da scheiden sich laut Wiesing die Geister. Eine begrifflich orientierte Untersuchung könnte sich um das theoretische Verständnis unseres alltäglich medial orientierten Lebens bemühen. Eine solche Philosophie versteht sich als notwendig, um die vielen neuen Gegebenheiten des medialen Konsums richtig verstehen zu können und verantwortlich mit ihnen umzugehen. Damit einhergehend ist die reflexiv-analytische Untersuchung der Problematiken und Konsequenzen, die der Umgang mit digitalen und elektronischen Medien für uns bergen könnte.

Dieser Auffassung gegenüber stehend lässt sich die Forschung um den Begriff ‚Medium‘ deuten. Was ist ein Medium überhaupt? Inwiefern beeinflusst er unsere Theorien? Hat dieses Konzept Auswirkungen auf das Verständnis anderer Begriffe? Eine solche philosophische Tendenz ist nicht wie die vorherige auf die Reaktion der Gegenwart gegründet, sondern ist zeitlos, denn sogar Aristoteles befasste sich bereits mit dem Begriff des Mediums.

Eine dritte philosophische Richtung könnte Medien als vermittelnde Instanz behandeln, durch welche uns Gegebenes zugänglich gemacht wird. Sie erforscht demnach, wie die Medien das, was wir wahrnehmen, übertragen. So werden die Medien als eine Erweiterung zur Sprache gedeutet, die erheblich zu unserem Wirklichkeitsverständnis beiträgt. Zum Beispiel wird unsere Interpretation der Lage in Syrien mehr als stark von der medialen Übermittlung geschaffen.

Wiesing diskutiert aber auch eher anwendungsorientierte Interpretationen. Philosophische Reflexionen könnten als Grundlagendiskurs, sozusagen als Basistheorie für eher pragmatisch ausgerichtete Medienwissenschaften gelten. Sie sollen in die medialen Analysen insgesamt einfließen und wichtige Deutungsaspekte sowie grundlegende Verständnisfragen im Rahmen einer aktuellen, praktizierenden Medienwissenschaft klären. Somit wäre die Medienphilosophie als philosophische Beratung von anderen Medienpraktiken zu verstehen.

Ganz kontrastiv dazu steht die Auffassung, dass es Medienphilosophie als solche eigentlich nicht gibt, sondern dass es sich eher um eine Philosophie der Medien handelt. Die Medien sind es, die Reflexionen übermitteln. Bilder, Zeitungsartikel oder Radiosendungen zum Beispiel sollen philosophisches Einsehen projizieren. Die mediale Praxis bestünde in dem Fall also darin, den philosophischen Inhalt für den Konsumenten zugänglich zu machen.

Doch verwässert dies nicht das philosophische Attribut? Besteht die Philosophie nicht vor allem darin, sich mit Sachverhalten auseinander zu setzen, und zwar anhand einer mehr oder weniger komplexen, vor allem aber logisch-propositionalen Argumentationsstruktur? Eine fundierte und methodologische Analyse ist das, was die Philosophie als Geisteswissenschaft anstrebt. Wohl kann ein Foto zur Reflexion anregen, aber ob dies ausreicht, um als philosophisches Medium gehandelt zu werden, ist eher fraglich.

Mit Wiesings Skepsis schließen wir die heutige Beobachtung ab, denn es bleibt für ihn, genau so wie generell, eher zweifelhaft, ob es eine ausgewiesene philosophische Disziplin spezifisch für den medialen Bereich geben kann oder ob die abstrakte Untersuchung bezüglich der Medien nicht doch eher als Aufgabe anderer übergreifender philosophischer Disziplinen zu verstehen ist.

Den Artikel von Lambert Wiesing mit den Referenzen der behandelten Sekundärliteratur finden Sie in Information Philosophie, Heft 3/2008, August 2008