LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Der neue Bentley Flying Spur - die agilste Form des Luxus

Dieses Auto ist zu allererst eine optische Erholung. Wenn man um dieses gewaltige Stück Metall herum geht, fällt einem vor allem auf, dass das heute so beliebte Manga-Design mit unnötigen Ecken, Kanten, Wülsten und Roboter-Visagen als Scheinwerfer, das auch schon die Oberklasse erreicht hat, hier völlig fehlt. Der neue Bentley „Flying Spur“  ist ein klassischer Wagen mit der ebenso klassischen Dreiteilung in langestreckte Motorhaube, üppigem Fahrgastraum und vernünftigem Kofferraum. Dem Zeitgeschmack huldigt nur die schiere Größe, die fast vierzig Jahre alte S-Klasse des Autors wirkt klein und zierlich dagegen. Der „Flying Spur“ - ein großer Name in der Automobilgeschichte - vereinigt in seinem äußeren Auftritt alles, was im besten Sinne konservativ ist. Der Bentley  ist ein Auto und keine in Plastik und Dünnblech verpackte Ansammlung von störanfälligen Steuergeräten.

Genug gewütet. Wahrscheinlich spricht nur der Frust aus mir: Denn dieses fahrende Schloss mit zwölf Zylindern in W-Anordnung (quasi zwei V6 auf einer Kurbelwelle), sechs Litern Hubraum, zwei Turboladern und einer Leistung von weit mehr als 600 PS liegt weit außerhalb jeder normalen finanziellen Reichweite. Der uns vom luxemburgischen Importeur Losch zur Verfügung gestellte Testwagen mit britischer Zulassung, aber Linkslenkung, liegt als „Full Option“ irgendwo bei einem Kaufpreis von 280.000 Euro. Dafür gibt‘s in Deutschland ein Haus und in Luxemburg eine kleine Wohnung – aber beide erreichen keine Spitzengeschwindigkeit von über 300 km/h.

Zurückhaltende Exklusivität

Wer jetzt fragt „Wer braucht so was?“ hat noch nie in dieser Ansammlung von Holz und Leder gesessen. Dem Bentley „Flying Spur“ ist sein Preis in jeder Fuge, an jeder Naht und an jedem Stück poliertem Holz anzumerken – nicht wegen eines exzentrischen Auftritts, sondern wegen der allgegenwärtigen Anmutung von Qualität. Einerseits  ist der Preis verrückt, andererseits absolut nachvollziehbar. Es kommt hinzu, dass die großen deutschen Oberklassehersteller aus Schwaben und Bayern mit ihren Spitzenmodellen und entsprechender Ausstattung auch in diese Preisregionen vorstoßen – allerdings ohne die zurückhaltende Exklusivität des Bentleys.

Souverän, durch und durch!

Beim Fahren zeigt sich der Flying Spur als Orca: Schwer und mächtig, strotzend vor Kraft, selbstsicher und gleichzeitig höchst agil. Der absolute Clou ist aber, dass sich die Souveränität des Autos auf den Fahrer überträgt: Wir wissen, was wir können, stellen den Tempomaten auf kommode 120 km/h ein und vergessen die Welt da draußen.

Dann wollte ich es doch wissen, obwohl ich mich in meinem ganzen Autofahrerleben noch nicht über die 250 km/h-Marke hinaus getraut habe, lasse ich auf dem geraden Stück der deutschen A8 zwischen Perl-Borg und dem Pellinger Tunnel den 600 PS die Zügel schießen. Die Schnauze hebt sich, als ob der Orca in der Ferne eine Robbe gewittert hat, und legt los. Kraft pur, trotz fast drei Tonnen Gewicht ist der Vortrieb brachial. Gerade als wir den Bereich der Vertreter-Diesel hinter uns gelassen haben, findet die wilde Hatz ein Ende. Irgendwo jenseits der 210 taucht auf dem Bildschirm-Tacho plötzlich die Meldung auf „Reifendruck für diesen Geschwindigkeitsbereich zu niedrig“ und die Bordelektronik bremst uns auf brave 200 km/h ab. Selbst in einem Bentley wird man nicht von Assistenzsystemen mit mütterlicher Vorsorge verschont.