LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Nach Zeugenaussagen zu Sabotage-Trainings in der Armee:Maître Vogel fordert Aufarbeitung des „Stay Behind“-Dossiers vor Prozessbeginn

Die Aussage eines ehemaligen Unteroffiziers im RTL Radio- und Fernsehen, dass Soldaten der Armee darauf trainiert wurden, ähnliche Aktionen durchzuführen, wie sie die „Bommeleeër“ unternahmen, schlägt kurz vor Prozessbeginn hohe Wellen.

Es meldete sich auch ein anderer ehemaliger Unteroffizier der Armee bei RTL, der die Aussagen des ersten Zeugen bestätigte. Der Mann wies ferner darauf hin, dass das geheime „Stay Behind“-Netzwerk der NATO, das im Falle eines Einfalls von Armeen des Warschauer Pakts aktiv werden sollte, nicht nur aus älteren Herren bestand, die höchstens Funknachrichten absetzen konnten - so die offizielle Version der Politik - sondern auch aus Leuten aus paramilitärischen Kreisen.

Nach der ersten Zeugenaussage forderte der Strafverteidiger des Angeklagten Marc Scheer, dass der Prozess gegen seinen Mandanten nicht stattfinden könne, bevor nicht zu diesen neuen Erkenntnissen ermittelt werde (s. unten). Die Frage stand immer im Raum, ob speziell ausgebildete Militärs etwas mit den Sprengstoffattentaten zu tun hatten und ob es neben dem offiziellen „Stay behind“, das 1990 aufflog, in Luxemburg wie in anderen Ländern auch eine „branche action“ gab, die feindliche Kräfte durch die Sabotage von kritischen Infrastrukturen aufhalten konnte. Eben solche Aktionen wurden bei Manövern im Ösling in den Jahren 1983 bis 1987 trainiert.

Wer daran teilnahm, ist bis heute nicht klar. Die Regierung leugnet bis jetzt etwa, dass die Manöverzone auch einen Teil Belgiens betraf und behauptet, dass es in der Luxemburger Armee nie eine Einheit von „Special Forces“ oder „Delta Forces“ nach amerikanischem Vorbild gab. In einer Antwort auf „Journal“-Fragen zu den Manövern teilte Innenminister Jean-Marie Halsdorf im vergangenen Juni mit, dass zwar amerikanische Kräfte per Flugzeug in die Manöverzone gebracht wurden, Luxemburger aber immer nur über die Straßen.

Vorgestern indes sprach der RTL-Zeuge davon, dass auch er mit Engländern, Amerikanern und anderen Luxemburgern einen Fallschirmabsprung über dem Ösling absolvierte.

Militärische oder paramilitärische Spurwurde nie nachverfolgt

In Richtung Militär und paramilitärische Gruppierungen, die besonders in den 1980ern häufig von sich reden machten, ermittelten die „Bommeleeër“-Jäger allerdings nie richtig. Das macht übrigens auch die Staatsanwaltschaft stutzig.

In der Anklageschrift zum „Bommeleeër“-Prozess geht etwa die Rede von einer Notiz, die am 3. Januar 1986 von mehreren jungen Offizieren (darunter die BMG-Mitglieder Pierre Reuland und Guy Stebens) verfasst wurde und in der empfohlen wird, neben dem landwirtschaftlichen Milieu, jenem der privaten Sicherheitsdienste, der Studentenbewegungen, der Mitarbeiter der Steinbrüche, in denen Sprengstoff gestohlen wurde, und diverser anderer Personen, die ein Rachemotiv gegenüber dem Staat hegen könnten, auch im „milieu militariste“ zu ermitteln.

Am 13. Januar wurden zu diesem Zweck fünf Arbeitsgruppen eingesetzt. Eine, um die militaristische Piste zu beschreiten, gab es nicht, worüber sich Oberstaatsanwalt Robert Biever in seiner Anklageschrift sehr wundert. Auch ein Täterprofil des FBI vom Mai 1986 empfiehlt, sich „paramilitärische Clubs“ mal genauer anzusehen. Es passierte wenig. Warum wohl?