STOCKHOLM
STEFFEN TRUMPF (DPA)

Beata Ernman strebt auf die Musicalbühne

Die Schwestern Greta Thunberg und Beata Ernman verbindet Vieles: von der Liebe zu den Familienhunden über gemeinsame Kindheitserinnerungen bis hin zu manch schwermütigem Moment. 2019 trennte die beiden jungen Schwedinnen dann plötzlich und monatelang ein riesiger Ozean: Während Thunberg mit Vater Svante im Kampf gegen die Klimakrise nach Amerika reiste, blieb Ernman mit Mutter Malena und den Hunden Roxy und Moses daheim in Stockholm, um neben der Schule auch an der eigenen Musikkarriere zu basteln. Herausgekommen ist auf beiden Seiten des Atlantiks ganz Erstaunliches.

Greta Thunbergs Einsatz für das Klima und eine bessere Welt ist bekannt. Die heute 17-Jährige hat mit ihrem „Schulstreik fürs Klima“ die weltweite Klimabewegung „Fridays for Future“ losgetreten und Millionen Menschen zum Protest für mehr Klimaschutz inspiriert. Und Beata Ernman? Die 14-Jährige galt bislang vor allem als „die Schwester von...“ - das soll sich in diesem Jahr ändern.

Junge Édith Piaf

Am 19. September feiert das Musical „Forever Piaf“ Premiere in einem Theaterhaus in Stockholm. In der Hauptrolle: Beata Ernman. Bis Ende November ist Greta Thunbergs kleine Schwester dann als junge Édith Piaf zu sehen und zu hören - an der Seite ihrer Mutter, die die ältere Version der Piaf verkörpern wird. „So lange ich zurückdenken kann, habe ich getanzt und gesungen“, wird Beata Ernman in einer Mitteilung zum Musical zitiert. Die Musik von Édith Piaf habe ihre Kindheit begleitet, so Ernman. „Dass ich ihre unsterbliche Musik aufführen darf, ist ein Traum, der in Erfüllung geht.“

Damit schlägt die 14-Jährige eine ähnliche Laufbahn wie ihre Mutter ein: Malena Ernman ist in Schweden als Opernsängerin bekannt, hat das Abba-Land aber auch schon mal beim Eurovision Song Contest vertreten. Musik spielte somit im Hause Ernman-Thunberg stets eine besondere Rolle, besonders für Beata. Und während der Klimakampf ihrer Schwester im vergangenen Jahr größer und größer wurde, veröffentlichte das Mädchen im Mai ihren Debütsong „Bara du vill“ (Wenn du nur willst). „So stolz auf meine supertalentierte Schwester“, schrieb Thunberg damals auf Instagram. Auf Spotify haben sich den Song bislang knapp 190.000 Menschen angehört.

Schaut man ihnen ins Gesicht, sind die Ähnlichkeiten der Schwestern nicht zu übersehen, von Beatas lockigeren Haaren einmal abgesehen. Ihre Stimmen sind dagegen grundverschieden: Während Greta Thunberg in der Regel leise und zurückhaltend spricht, verfügt Beata Ernman schon mit 14 über eine überaus kräftige Stimme. Das beweist unter anderem das von dem Stockholmer Theater veröffentlichte Video einer Gesangsprobe, in dem sie mit stark gerolltem R den Piaf-Klassiker „Non, je ne regrette rien“ (Nein, ich bereue nichts) schmettert.

Psychische Erkrankung

Auf Instagram teilt die junge Schwedin fleißig spannende und spaßige Momente aus dem Leben einer Jugendlichen. Lustig war aber bei Weitem nicht alles in ihrer Kindheit, und das hat, wie bei ihrer großen Schwester, auch mit psychischen Erkrankungen zu tun: Als Kind hatte sie immer wieder plötzliche Wutanfälle, die ihre Mutter im Familienbuch „Szenen aus dem Herzen“ als „meltdowns“ - das lässt sich als Zusammenbrüche oder als Kernschmelze übersetzen - beschreibt. Beata ruft ihrer Mutter „Du blöde Schlampe!“ und noch Schlimmeres entgegen, sie ist hochsensibel, ganz besonders bei Geräuschen. Alles muss oft mucksmäuschenstill sein, sonst explodiert das junge Mädchen.

Es sind traurige Phasen, die die Familie gleich zweimal durchmachen muss: Erst ringen die Eltern um Gretas psychische wie physische Gesundheit, Beata erhält in dieser Zeit wenig Aufmerksamkeit und zieht sich zurück. „Beata verschwindet in ihrem Zimmer, sobald sie von der Schule nach Hause kommt. Wir kriegen sie kaum zu Gesicht. Sie spürt unsere Unruhe und geht uns aus dem Weg“, beschreibt es ihre Mutter. Als es mit Greta schließlich aufwärts geht, fangen die Probleme von vorne an - bei Beata.

„Ich dachte, dass mit mir irgendetwas nicht stimmt“, erzählte das Mädchen in einer Talkshow des schwedischen Senders TV4. Nach langen Untersuchungen wurden bei ihr letztlich ADHS mit Zügen des Asperger-Syndroms sowie Zwangsstörungen und Trotzverhalten diagnostiziert. Die klare Diagnose habe sie erleichtert, sagt Beata Ernman. „Das war wie eine Erklärung für alles.“

Ihre Mutter erkennt in dieser schweren Zeit aber noch etwas anderes. „Sie lebt und atmet Musik und Tanz“, schreibt sie in „Szenen aus dem Herzen“. Als Opernsängerin kenne sie niemanden mit einem besseren Gehör als sie selbst - „außer Beata“. Und dann schreibt sie noch diese zwei kleinen Sätze: „Jede Familie hat eine Heldin oder einen Held. Beata ist unsere Heldin.“