LUXEMBURG
SVEN WOHL

Vier literarische Werke für unterwegs

Wer dieser Tage noch eine Reise wagt, der sucht auch nach einer passenden literarischen Begleitung. In den Kiosken und Buchhandlungen von Bahnhöfen und Flughäfen stapeln sich die Bücher. Cover und bekannte Namen betteln um Aufmerksamkeit. Wir stellen einige Werke vor, die Sie in der Vergangenheit vielleicht übersehen haben. Sie sind vielleicht nicht perfekt, aber sie sind allemal interessant.

David Sedaris: Calypso

David Sedaris schafft es in seinen semi-autobiographischen Essays „Calypso“, die Leser zum Lachen zu bringen. Die gekonnte Mischung aus Sprachwitz und Absurdität, wie auch die ständig allzu realen Bemerkungen der Erzählerstimme kann einem einfach jede Geschichte schmackhaft machen. Eine Geschichte rund um einen Tumor, die Sedaris an eine Schnappschildkröte verfüttern möchte, ist einer der Highlights. Ansonsten schreibt Sedaris viel über seine Familie, seine Liebe und den Tod, jedoch stets mit einem ironischen Zwinkern und mit scharfzüngigen Kommentaren. Dank seiner Aufgliederung in 21 Essays lädt das Buch auch zu kürzeren Le-seintervals ein. Nicht jedes Essay ist ein Renner, doch für jeden sollte hier etwas dabei sein. Die deutsche Übersetzung des englischen Originals ist im „Karl Blessing Verlag“ (ISBN 9783896676351) erschienen.

Mur Lafferty: Das sechste Erwachen

Auch wenn es nicht für einen „Hugo Award“ reichte, ist „Das sechste Erwachen“ (im englischen Original: „Six Wakes“) ein hervorragender Science-Fiction-Krimi. Die Handlung dreht sich rund um eine Raumschiff-Crew, die ihre eigenen Morde aufklären muss. Oder besser gesagt, um die Morde ihrer Originale, handelt es sich bei ihnen um die Klone ihrer ermordeten älteren Versionen. Des Rätsels Lösung muss zudem schnell gefunden werden, denn der Bordcomputer wurde falsch eingestellt.

Mag der Plot auf den ersten Blick ein wenig kompliziert klingen, konzentriert sich Lafferty eher auf die Lösung des Geheimnisses und den Verbindungen zwischen den Figuren. All dies ist erstaunlich flüssig und ergiebig erzählt, die Sprache bietet kaum Ecken und Kanten. Einzig die Rückblenden stören den Fluss. Übrig bleibt ein spannender Sci-Fi-Thriller, der mit interessanten Drehungen aufwarten kann. Die deutsche Übersetzung ist im Heyne-Verlag erschienen (ISBN: 3453319192).

Durian Sukegawa: Die Insel der Freundschaft

Nicht auf Spannungsliteratur ausgelegt ist Durian Sukegawas „Die Insel der Freundschaft“ (ISBN: 9783832164683). Um zu erfahren, woran seine Familie zerbrochen ist, möchte der Protagonist Ryosuke einen alten Freund seines Vaters besuchen. Der lebt auf der Insel Aburi, dessen Bevölkerung stark abgeriegelt von der Außenwelt vor sich hinlebt. Im Verlauf der Geschichte rückt die Frage, wie sich Ryosuke seine Zukunft vorstellt in den Fokus. Für Sukegawa typisch ist auch der kulinarische Aspekt: Wer Ziegenkäse liebt, kommt hier auf seine Kosten, legt sich Ryosuke bei seinem Selbstständigwerden auf die Ziegen fest. Deren Starrsinnigkeit zeigt eine Parallele zu den Inselbewohnern auf und Sukegawa beherrscht es mit seiner fließenden Sprache hervorragend, die Gedanken, Gefühle und Landschaften aus einem gemeinsamen Guss zu vermitteln.

Harmonieverliebte Leser kommen hier mehr als auf ihre Kosten. Wer nicht genug von Sukegawa haben kann, sollte auch zu „Kirschblüten und rote Bohnen“ (9783832164126) greifen. Beide sind in der deutschen Übersetzung bei Dumont erschienen.

Sayaka Murate: Die Ladenhüter

Weiter mit japanischer Literatur, jedoch in einem ganz anderen Umfeld: Wer einmal in Tokio oder einer anderen Stadt des Landes war, kennt die kleinen „Convenience Stores“ - auch „Kombini“ genannt -, die rund um die Uhr offen sind. Sie bieten vor allem den jüngeren Semestern eine Möglichkeit, neben der Uni zu jobben. Wer längere Zeit dort arbeitet, oder sogar seinen Vollzeitjob dort wahrnimmt, gilt als gescheitert. Genau in dieser Situation befindet sich die Hauptfigur: Keiko verwirklicht sich geradezu in ihrer Aufgabe als Mitarbeiterin in einem solchen „Convenience Store“. Sehr zum Bedauern der eigenen Familie. Ihre Perspektive auf Japan, die Gesellschaft und ihre direkte Umgebung mag bizarr verzerrt sein, sorgt jedoch für einige spitzfindige und zumal amüsante Beobachtungen. Der spätere Handlungsverlauf, bei dem es um eine Scheinbeziehung geht, sorgt für zusätzliche Pointen, doch die Satire tritt mit der Handlung auf einer Stelle. Keikos Kosmos beginnt und endet mit dem „Kombini“, dafür wird der kurze Roman jedoch umso gehaltvoller. Die deutsche Übersetzung ist im Aufbau-Verlag erschienen (ISBN: 9783351037031).