LUXEMBURG
LJ

Wie Kanonen als Zeugnisse der Geschichte und Trophäen glorreicher Schlachten dienen

Sie heißen „Tolle Grete“, „Dicke Berta“, „Faule Mette“, „Dora“, „Schwerer Gustav“ oder „Vogel Greif“ - allesamt Kanonen von bis dahin unvorstellbaren Ausmaßen, die in großen Kriegen blutige Geschichte schrieben: Zu Beginn des 14. Jahrhunderts, vermutlich im Jahr 1308, wurde in Europa die erste Kanone abgefeuert. Damit erreichte eine der folgenschwersten Erfindungen aller Zeiten den heutigen europäischen Kontinent.

Mechanische Geschütze wie Katapulte waren bereits ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch. Archimedes erfand im 3. Jahrhundert v. Chr. eine Art Kanone, diea durch Wasserdampf hohen Druck aufbaute und mit einem Metallrohr Projektile abfeuern konnte, die sogenannte Dampfkanone.

Die Erfindung des Schwarzpulvers vor dem 10. Jahrhundert in China ermöglichte dann den Bau von Feuerwaffen. Sie wurden bald zu einem machtvollen Faktor, der die Weltgeschichte beeinflusste. Der Aufstieg Europas zum führenden Kontinent war, da sind sich die Historiker einig, begleitet vom Donner der Kanonen - einer Erfindung, für die es in der Natur kein Vorbild gibt.

Burgen hatten ausgedient

Es gibt unzählige Beispiele für die kriegsentscheidende Bedeutung von Kanonen. Die Kriegstechnik und die Herrschaftsverhältnisse änderten sich durch diese neue Waffen. Aber auch die Kosten eines Krieges wuchsen, Burgen hatten quasi ausgedient, sie waren nicht länger sichere Zufluchtsorte. Die Ritter mussten oder konnten auf schwere Rüstungen verzichten, denn vor den modernen Schusswaffen schützten diese sie nicht mehr. Die größte Kanone im Mittelalter wurde übrigens 1453 bei der Beschießung von Konstantinopel benutzt. Sie hatte eine Rohrlänge von fast neun Metern und feuerte Kugeln von ungefähr 550 Kilogramm ab. Da das Kanonenrohr vor dem Nachladen erst wieder abkühlen musste, konnte pro Stunde aber nur ein Schuss von ihr abgegeben werden!

Heiß begehrte Trophäen

Doch die Kanonen waren mehr als nur todbringende Geschosse - sie waren Symbole der Macht und der Siege - heiß begehrt als Trophäen eines glorreichen Feldzuges. Sie wurden erbeutet und zurückerobert, ausgetauscht, verkauft und eingeschmolzen.

Schaut man sich einmal die „Vogel Greif“ an, eine Kanone, fünf Meter lang, zwölf Tonnen schwer und sehr alt. Der Kurfürst von Trier, Richard von Greifenklau, ließ sie 1524 in der Waffenschmiede von Meister Simon in Frankfurt gießen. Stationiert war die „Greif“ dann auf der Festung Ehrenbreitstein oberhalb von Koblenz - und war über Rhein und Mosel in Richtung Frankreich gerichtet. Sie konnte im Prinzip Kugeln von bis zu 80 Kilogramm Gewicht verschießen, gehörte in die Klasse „Hauptbüchse XL“. Die Franzosen nutzen die „Greif“ als Trophäe.

Dreimal, unter anderem nach dem Dreißigjährigen Krieg, zogen die Franzosen mit der „Greif“ siegreich zurück nach Paris, zweimal drückten die Deutschen das Geschoss wieder an den Rhein. Zum Schluss blieb die Kanone aber an der Seine im Militärmuseum am Invalidendom. Es entstand ein Auslieferungskampf um die Kanone. Politiker und auch Bürgerinitiativen bemühten sich um die Rückgabe als Kulturgut. Die Franzosen lehnten aber die Rückgabe ab. Selbst Gisçard d’Estaing, in Koblenz geboren, wollte das Beutestück nicht rausrücken. Nach der wechselvollen Geschichte kam die Kanone schließlich doch im Jahr 1984 im Zuge der deutsch-französischen Aussöhnung als Dauerleihgabe auf die Festung Ehrenbreitstein zurück.

Beutekunst vergoldet

Ein anderes Beispiel mit Blick auf den Symbolgehalt von Kanonen ist die Siegessäule in Berlin, genannt „Goldelse“. Ein Denkmal aus Granit, Sandstein und Bronze, „sie ist bestimmt, die künftigen Generationen an die preußischen Siege in den Jahren 1864, 1866 und 1870 zu erinnern“, wie es offiziell heißt. Daher wurden in den Schaft 20 vergoldete dänische, österreichische und französische Kanonen eingefügt. 1864 gewann Preußen im Krieg gegen Dänemark, siegreich waren die Preußen 1866 gegen Österreich und 1871 gegen Frankreich.

Ach ja, und die „Dicke Berta“? Im März 1914 wurde dem deutschen Kaiser Wilhelm II. ein Mörser mit 42-Zentimeter-Kaliber vorgestellt. Zehn Güterwaggons mit Kränen mussten die 150 Tonnen schwere Kanone 12 L/16 in Stellung bringen, die „Dicke Bertha“, wie sie im Volksmund hieß, benannt nach einem Familienmitglied der Familie des Rüstungskonzerns Krupp, wo sie entwickelt und gebaut wurde.

„Schwerer Gustav“ und „Dora“ waren die Namen der größten und aufwändigsten Kanonen der Welt, die tatsächlich im Einsatz waren. Sie wurden von der Firma Krupp in den Jahren 1937 bis 1941 hergestellt. Das Gewicht von „Gustav“: 1.350 Tonnen.