LUXEMBURG
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Immer mehr Menschen sind auf der Flucht, immer weniger können heimkehren - Die Coronakrise bringt mehr Drang nach Europa

Krieg, Gewalt und Verfolgung treiben immer mehr Menschen in die Flucht. Ende 2019 gab es einen neuen Rekord mit 79,5 Millionen Vertriebenen - das waren fast neun Millionen mehr als ein Jahr zuvor, wie das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) in Genf berichtet.

Schuld an der Misere seien auch Länder, die sich in Konflikte einmischten und damit Friedenslösungen verhinderten, kritisierte UNHCR-Chef Filippo Grandi. So könnten keine Bedingungen für die Rückkehr der Flüchtlinge geschaffen werden. Die Corona-Krise und die damit verbundene wachsende Armut dürfte die Flucht auch Richtung Europa verstärken, meinte er: „Ich habe keinen Zweifel, dass die wachsende Armut und der Mangel an Lösungen sowie die Fortsetzung von Konflikten zu mehr Bevölkerungsbewegungen führen wird, in den Regionen und darüber hinaus, nach Europa etwa.“

„Bankrotterklärung“ der europäischen Flüchtlingspolitik

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International stellte Europa an den Pranger. Immer weniger Länder seien bereit, Schutzbedürftige aufzunehmen, sagte die Expertin für Asylpolitik, Franziska Vilmar. Katastrophal sei die Lage auf den griechischen Inseln, die Menschen würden nicht wie versprochen umverteilt: „Das ist eine Bankrotterklärung für den gemeinsamen Flüchtlingsschutz in Europa.“ Handicap International weist darauf hin, dass rund 15 Prozent aller Menschen auf der Flucht eine Behinderung hat. Häufig isoliert, diskriminiert und marginalisiert, bedeute die Covid-19-Pandemie für sie zusätzliche Probleme. In der Praxis beobachtete die Organisation, dass Flüchtlinge mit einem Handicap zurückgewiesen wurden.

Die neuen Zahlen sind ein Rekord in der fast 70-jährigen Geschichte des UNHCR. Die Zahl der Vertriebenen hat sich von 2010 mit gut 40 Millionen bis 2019 fast verdoppelt. Im vergangenen Jahr blieb zwar die Zahl der Flüchtlinge außerhalb des eigenen Landes mit 26 Millionen praktisch konstant. Aber die Zahl der im eigenen Land Vertriebenen stieg von 41,3 Millionen Ende 2018 auf 45,7 Millionen. Auch die Zahl der Asylsuchenden stieg, von 3,5 auf 4,2 Millionen. Weil darunter auch Migranten sind, die letztlich nicht als Flüchtlinge anerkannt werden, listet das UNHCR sie gesondert auf.

Hotspots mit neuen Vertreibungen waren nach UNHCR-Angaben im vergangenen Jahr der Kongo, Burkina Faso, Syrien, Venezuela und der Jemen. Als vertrackte Krisen nennt die Organisation auch die Ukraine, die aus Myanmar nach Bangladesch vertriebenen Rohingya, Afghanistan, den Irak, Libyen, Somalia, Äthiopien und die Sahel-Zone.

Flüchtlinge meistens von ärmeren Ländern aufgenommen

Dreiviertel der Flüchtlinge lebten Ende 2019 in der Nähe ihrer Heimat. Das seien meist selbst arme Länder, betonte Fionna Smyth von der Hilfsorganisation Oxfam. Sie rief die Regierungen reicher Länder auf, mehr Geld zu geben, vor allem auch für die Corona-Vorsorge unter Flüchtlingen.

Mit 1,1 Millionen Flüchtlingen war Deutschland nach der Türkei, Kolumbien, Pakistan und Uganda das fünftwichtigste Aufnahmeland. Hinzu kamen in Deutschland nach der UNHCR-Statistik gut 309.000 Asylsuchende, über deren Status noch nicht entschieden war.

Ein Grund für den starken Anstieg der Gesamtzahl war auch, dass das UNHCR erstmals 3,6 Millionen Venezolaner mitzählte, die fast alle seit 2015 vor der Misere im eigenen Land in Nachbarländer geflohen sind. Sie haben zwar selbst größtenteils keinen Flüchtlingsstatus beantragt, brauchen aber nach UNHCR-Angaben trotzdem Schutz und dürften zum Beispiel nicht abgeschoben werden.