CLAUDE KARGER

Von Epinal bis Lüttich, von Mouscron bis Speyer: In der Großregion - die immer noch nach einem griffigeren Namen sucht - leben heute fast zwölf Millionen Menschen. Nicht die meisten, aber ein bedeutender Teil davon sind regelmäßig mit grenzüberschreitenden Realitäten konfrontiert. Allein rund 240.000 begeben sich täglich zur Arbeit in ein anderes Land. Fast 200.000 kommen nach Luxemburg, 100.000 davon aus Lothringen. Die Arbeit ist, genau wie die Mobilität, eines der Hauptthemen in der Großregion. Dazu gehören aber auch die Bildung, bei der es etwa um die gegenseitige Anerkennung der Diplome oder auch die Einrichtung von gemeinsamen, grenzüberschreitenden Bildungsstätten. Wie das deutsch-französische Lyzeum in Perl oder den seit zehn Jahren bestehenden Verbund Universität der Großregion (Unis Luxemburg, Saarland, Lüttich, Lothringen, Kaiserslautern, Trier). Dazu gehört auch die Pflege gemeinsamer Traditionen und des ungewöhnlich dichten Kulturerbes in der Großregion. In einem Raum aus Grenzregionen, in dem einst blutige Schlachten zwischen den ehemaligen Erzfeinden Deutschland und Frankreich tobten, bauen die Menschen seit langem an einer gemeinsamen Zukunft.

Seit den 1970ern gibt es bi- und trilaterale Ausschüsse zwischen den Ländern mit dem Fokus auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Seit den 1980ern wurde die Großregion nach und nach politisch „institutionalisiert“ (Parlamentarierrat, Gipfel, Wirtschafts- und Sozialausschuss...). Auch auf anderen Ebenen entstanden grenzüberschreitende Organisationen, um die Zusammenarbeit in der Großregion zu stärken, in der Luxemburg als bedeutendster wirtschaftlicher Attraktivitätspol eine kapitale Rolle spielt.

Man mag einwenden, dass diese Institutionen „zahnlose Tiger“ sind und am Ende die wichtigsten Entscheidungen sowieso in Berlin, Paris oder Brüssel getroffen werden, weit weg von den von diesen Warten aus betrachteten Randregionen. Doch sie sind sehr wichtige Gremien, in denen die politischen Führungen der Partnerregionen Lösungen für Bürger und Wirtschaft erarbeiten können, die sie dann mit zu ihren Landesregierungen nehmen. Aber trotz aller Bemühungen: Die Entscheidungswege bleiben oft lang in einem Gefüge, wo zudem doch das nationale, regionale oder kommunale Hemd oft enger sitzt als das großregionale.

Doch wie einst die EU kann auch die für die meisten Einwohner immer noch abstrakte Großregion nur durch konkrete Projekte zusammenwachsen. Fruchtbare grenzüberschreitende Kooperationen gibt es wie gesagt längst, der neue „European Cross-Border Mechanism“, der es erlauben würde, bei bestimmten Projekten die Regelungen eines EU-Mitgliedstaats im benachbarten Land anzuwenden, könnte das Zusammenwachsen der Großregion, aus dem der neue Gipfelvorsitzende, der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans einen „Modellraum der europäischen Integration“ machen will, entscheidend beschleunigen. Beschleunigen würde den Prozess auch, wenn die Bürger und auch die Wirtschaftsakteure ihre Großregion besser kennen würden und leben könnten. Bessere Bildung in dieser Sache und strukturiertere Information tut da natürlich not.