PATRICK WELTER

Im wunderbaren Film „Amadeus“ von Milos Forman, gibt es eine Szene in der sich der Kaiser bei Mozart über dessen neuestes Werk beklagt: „Zu viele Noten!“ Das bildungsbürgerliche Publikum brüllte an dieser Stelle vor Lachen. Was für ein Ignorant ist dieser degenerierte Habsburger doch… Nehmen wir mal an, dass die kaiserliche Aussage belegt ist, dann haben wir, knappe 250 Jahre später, ein ähnliches Problem. Heute heißt es: „Zu viele Fakten!“ Unausgesprochen bleibt die Ergänzung „..und zu wenig Emotionen“, genauer: Zu wenig Rücksicht auf Ängste und Gefühle.

Fakten und Statistik sagen klar: Die Gefahr einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen, ist um etliche Potenzen geringer, als vom Auto überfahren zu werden. Trotzdem herrscht Terrorangst, die sich wiederum in Angst vor dem Fremden niederschlägt.

Nüchtern betrachtet - ohne jede Wertung - hat die Sozialdemokratisierung der Politik in Mitteleuropa, zu einem allgemeinen Konsens innerhalb von Politik und seriösen Medien geführt. Was in den großen Linien gut und was schlecht ist, darin sind sich im Prinzip alle einig. Wenn wir über die Mosel schauen, stellen wir fest, dass von den großen Fehden, die einst zwischen den „linken Medien“ (Zitat Kohl), wie Stern, SZ und Spiegel, und den konservativen Blättern wie der Welt, Bild oder der untergegangen Quick tobten, nichts mehr über ist. Alle loben Merkel, mal stärker mal schwächer. Alle lieben Obama. Alle setzten auf Clinton als neue US-Präsidentin. Dass Letzteres verteufelt schief gelaufen ist, lag nicht zuletzt daran, dass es in den USA einen ähnlichen Konsens gab. „Den Clown kann doch keiner wählen.“ Diejenigen die zur Wahl gingen, sahen das anders.

Jakob Augstein, linker Kolumnist des Spiegel und für echte Liberale meistens schwer erträglich, hat vor ein paar Wochen etwas kluges geschrieben: „Mehr Strauß wagen!“. Der Name des verstorbenen CSU-Chefs steht stellvertretend für den Typus eines echten Konservativen. Augstein will keine konservative Politik. Er will, dass die Politik wieder klare Position bezieht: Rechts, links, liberal. Dissens und Diskurs statt Einheitssauce. Für die Medien kommen noch zwei Dinge hinzu: Gefühle ernst nehmen und den erhobenen Zeigefinger einziehen.

Das Modewort von der „post-faktischen Gesellschaft“ und der Vorwurf, dass die Medien in einer Blase agieren, bedingen einander. Die Fakten sind in allen Zeitungen annähernd gleich und nach dem Bauchgefühl vieler Menschen ebenso falsch. Klassisches Beispiel ist die Kriminalitätsstatistik, die mit Fakten belegt, dass die Gewaltkriminalität objektiv abgenommen hat. Viele Bürger sehen das anders, sie sind verunsichert und haben Angst. Wer Angst hat, will ernst genommen werden. Nackte Zahlen zählen da nicht. Der mediale Zeigefinger ist da völlig fehl am Platz, denn so produziert man ganz schnell den nächsten adr- oder AfD-Wähler.

Wir, die Medien, müssen lernen die Aufmerksamkeit der von Fakten überforderten Bürger zurückzugewinnen. Wir müssen Ratio und Emotion wieder zusammenbringen. Vor allem müssen wir aufhören, jedem Trend hinterher zu hecheln. Ganz grob gesagt: Nicht nur der missionarische Veganer hat ein Recht auf mediale Aufmerksamkeit, sondern auch der Ham, Fritten und Salat Normalo.